Monatsrückblick – Juni 2016

|Gesehen| Florian Henckel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen – Marcus H. Rosenmüller: Wer früher stirbt ist länger tot – Gus van Sant: Promised Land – André Schäfer: Deutschboden – Wim Wenders: Bis ans Ende der Welt – Dowton Abbey, Staffel 5 (1-4) – More than Honey (Doku) – die deutschen EM-Spiele bis zum Achtelfinale – Italo Zingarelli: Das Krokodil und sein Nilpferd – Enzo Barboni: Die rechte und die linke Hand des Teufels
|Gelesen| Umberto Eco: Nachschrift zum „Namen der Rose“ – Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz – Kristof Magnusson: Das war ich nicht
|Gehört| Herbie Hancock: Thrust – Cybotron: Cybotron – Jonny Greenwood: Popcorn Superhet Receiver – Claude Debussy: Suite Bergamasque – Erik Satie: Gymnopédies No. 1-3  – Erik Satie: Gnossiennes No. 1-4 – Antonin Dvorak: Romanze für Klavier und Violine op. 11 – Museo Rosenbach: Zarathustra – Franz Schubert: Schwanengesang D 957 – Der Anhalter (Podcast, WDR5) – No land called home (Feature, Deutschlandradiokultur)
|Getan| Joggen im Waldpark – Reichstagskuppel besichtigt – ARD-Hauptstadtstudio besucht
|Gegessen| Spargelsalat mit Sonnenblumenkernen und Petersilie – Brioche – Ricotta-Gnocchi – Ofengemüse mit Salat – Cigköfte in Dürüm – Parmigiana – Halloumi-Burger – Baba ganoush – kiloweise Erdbeeren
|Getrunken| Thè verde von San Benedetto – Preiselbeer-Schorle mit Limette
|Gedacht| Ziemlich viel Regen für Juni. Und dann auch gleich noch am Sommeranfang.
|Gefreut| über reibungsloses Baby-Sitten, das Spielergebnis im Island-England Achtelfinale der EM (2:1), schöne Neuigkeiten
|Gelacht| über die „Wikinger-Witze“ nach dem #brexit und dem folgenden Spielgewinn Islands
|Geärgert| über die Fahrlässigkeit der Briten
|Gekauft| Schuhe
|Gewünscht| mehr gute Nachrichten
|Geklickt| die Digitorials des Städel Museums

 

Maya-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

Schönheit liegt in den Augen desjenigen, der sie zu schätzen weiß, und sie zu betrachten, verwandelt unsere Gefühle und veredelt unsere Kräfte. Sie ist eine konzeptuelle Wahrnehmung, die mit allen Aspekten des Lebens in Verbindung steht. Und die Kunst ist eine ihrer Ausdrucksformen, sie ist ihre Sprache.

So beginnt die Ausstellung „Die Maya – Sprache der Schönheit“, die vom 12. April bis zum 07. August 2016 im Berliner Gropius Bau zu sehen ist. Sie ist die momentan größte Ausstellung von Maya-Skulpturen, die außerhalb Mexikos zu sehen ist. Diese Ausstellung zeigt Werke aus allen Phasen der Maya-Hochkultur des 3. bis 10 Jahrhunderts, beschränkt sich jedoch auf das Gebiet der Halbinsel Yucatan, des heutigen Mexikos. Als die ersten spanischen Eroberer die Halbinsel im 16. Jahrhundert erreichten, war die Kultur längst untergegangen. Warum, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Die Ausstellung bemüht sich, eine große Bandbreite von Zeiten, Stilen und Funktionen zu zeigen, welche sich in der Kunst der Maya abbilden. Die Ausstellungsmacher gliedern die Werke in fünf zentrale Bereiche, die jeweils 1-2 Räume des Gropius-Baus umfassen:

  1. Der Körper als Leinwand
  2. Der bekleidete Körper
  3. Die Sprache der Steine
  4. Das Tier als Ebenbild
  5. Die Sprache der Farben (Die Maya nutzten etwa 30)
  6. Die Körper der Götter

Der Körper als Leinwand war der für uns aufwühlendste Teil der Ausstellung. Die Skulpturen zeigen, welche Veränderungen die Maya am eigenen Körper vorgenommen haben, um ihre soziale Zugehörigkeit und kulturelle Identität zu zeigen, und welche Schönheitsideale ihre Vorstellungen durchdrangen. Zum Beispiel haben sie die Köpfe von Neugeborenen mit Brettern geformt, Pubertierenden die Zähne abgeschliffen und Löcher gebohrt, um darin Steine einzulegen, kleine Kinder mit Wachskügelchen auf Höhe der Nasenwurzel zum Schielen gebracht, sich tätowiert, vernarbt und ihre Ohrläppchen durchstochen.

Der zweite interessante Ausstellungsteil – die Sprache der Steine – widmet sich dem Schriftsystem der Maya, den Hieroglyphen oder Glyphen. Das Schriftsystem ist aufgrund des Kalligrafiestils und der Komplexität ihrer Abbildungen elegant und einzigartig zugleich. Das Geheimnis der Maya-Schrift liegt darin, dass sie Bilderschrift (wie im Chinesischen) und Lautschrift (wie in unserem Schriftsystem) kombiniert, so dass eine Hieroglyphe ein ganzes Wort bezeichnen kann. Mittlerweile sind über die Hälfte der rund 400 bekannten Maya-Glyphen entschlüsselt. Die Maya halten mit den Inschriften im Stein bedeutende Ereignisse ihrer Geschichte und Religion fest.

Weiterhin beschreibt die Ausstellung weitere folgende Besonderheiten der Mayas:

  • Selbstopfer
  • der Tod als Übergang (zur Wiedergeburt)
  • besiegte Krieger werden als Gefangene dargestellt
  • Vorstellung von fünf Himmelsrichtungen
  • Götter zeigen sich in Tiergestalt
  • way, der animalische Begleiter eines Menschens, in dem man sich in der Nacht verwandeln kann

So interessant und klug zusammengestellt die Ausstellungsstücke sind – in der Ausstellungskonzeption selbst fallen uns einige Schwächen auf. Die Ausstellungsstücke werden zu großen Teilen in Vitrinen gezeigt, die am Rande des jeweiligen Raums nebeneinander aufgereiht sind. Das führt zum einen dazu, dass sich nur eine Fläche wirklich als Präsentationsfläche genutzt werden kann und wir uns mit den weiteren Besuchern vor den Vitrinen stauen. Die eher kleinen Räume und sehr klein geschriebenen Erklärungstafeln an den Wänden tragen zudem zum Schlangestehen bei.

Gleichzeitig ist die Ausstellung sehr dicht, für die ersten vier Räume brauchen wir fast eine Stunde und im fünften Raum kommt erst die erste Sitzgelegenheit. Dass das für viele Besucher zu lange ist, merkt man daran, dass sie voll besetzt ist.

Die Nummern für den Audioguide stehen relativ klein in der Nähe des jeweils ausgestellten Stückes innerhalb der Vitrine. Sie sind nur durch zwei geschlossene Klammern  gekennzeichnet. Das macht es schwer, sich im gesamten Ausstellungsraum zu orientieren und schnell die Stücke zu finden, für die eine Erklärung auf dem Audioguide verfügbar ist. Auch kommen die Audio-Erklärungen fast gänzlich ohne übergreifende Hinweise, z.B. zur Rolle der Religion oder den einzelnen Phasen der Mayakunst aus. Das Display des Audioguides ist nicht beleuchtet, was die einzelnen Tracks in der abgedunkelten Ausstellung schwer zu lesen macht. Zudem gibt es keine Möglichkeit zurückzuspulen und sich schnell einzelne Erklärungsteile ein zweites Mal anzuhören. Zu einem Preis von 4 Euro, zusätzlich zum Eintritt, ist das ziemlich armselig. Da auch viel auf den Tafeln erklärt wird, lohnt sich der Audioguide aus unserer Sicht nicht so richtig.

Die Ausstellung kostet 11,- Euro Eintritt. Die drei weiteren, gezeigten Ausstellungen haben ähnliche Preise. Es gibt keine Kombitickets, was einen Eintrittspreis von 42,- Euro für den gesamten Gropuis-Bau entspricht. Das ist damit deutlich teurer als in anderen Häusern ähnlicher Größe.

Fotografieren war in der Ausstellung nicht erlaubt, daher gibt es hier nur Bilder von außen.

Momente in Gedanken #1

Es ist kaum zu glauben, dass Indien seit nunmehr fast 70 Jaren eine (funktionierende) Demokratie ist im Angesicht der vielfältigen Unterschiede, Gegensätze und Ungleichheit im Land. Bis jetzt können sich Reich und Arm, Stadt und Land, Hindus und Muslime, Männer und Frauen, Menschen unterschiedlicher Kasten, Menschen unterschiedlicher Sprachen auf die Wahl von Volksvertretern einigen.

Zeitereignisse – Mai 2016

Was ist Geschichte? Wie entsteht sie? Geschichte bezieht sich auf Vergangenes ist aber auch immer gegenwärtig, denn vergangene Zeitereignisse werden im Jetzt zur Geschichte erklärt. Und umgekehrt: Teile der Geschichte können in Vergessenheit geraten. Geschichte ist auch abhängig von der Perspektive und daher keinesfalls eine objektive Tatsache. Was zur Geschichte erklärt wird, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Geschichte wird meistens von Geschichtschreibern, Historikern oder Personen, die mit Macht ausgestattet sind, definiert. Was würde passieren, wenn ich selbst Geschichtsschreibung betreibe? Was ist das Ergebnis, wenn man beginnt, seine eigenen Zeitereignisse zu sammeln? Wird die daraus entstehende Geschichte sich mit der offiziellen Geschichtsschreibung decken? Werden Zeitereignisse, die man im Jetzt aufzeichnet, in der eigenen geschichtlichen Rückschau unwichtig sein? Dies sind die Zeitereignisse für diesen Monat:

Evakuierung von Fort McMurray aufgrund von Waldbränden – NYT: Wildfire Empties Fort McMurray in Alberta’s Oil Sands.

Donald Trump ist der verbleibende Kandidat der Republikanischen Partei auf das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika.

Sadiq Khan wird Bürgermeister von London.

Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) tritt aufgrund von parteiinternen Differenzen von allen Ämtern zurück.

Ahmet Davutoglu tritt als türkischer Ministerpräsident zurück.

Mittlerweile sind alle Regierungen basierend auf den Landtagswahlen im März in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt vereidigt, bei denen die AFD seit dem Wechsel an der Parteispitze in weitere Landtage einzieht: Koalition aus SPD, Grüne und FDP in Rheinland-Pfalz, Koalition aus Grünen und CDU in Baden-Württemberg, Koalition aus CDU, SPD und Grünen in Sachsen-Anhalt.

Der Governeur von Kalifornien, Jerry Brown, verkündet permanente Maßnahmen im Zusammenhang mit der anhaltenden Dürre im Bundestaat- NYT: California Braces for Unending Drought.

Das türkische Parlament hebt die Immunität von 138 Abgeordneten auf.

Dürre in Indien aufgrund des Ausbleibens des Monsums: – BBC: India drought: ‚330 million people affected‘

Erste gerichtliche Entscheidung zu Jan Böhmermanns Gedicht Schmähkritik über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan: Das Gedicht ist in Teilen ehrverletzend. Ausschnitte daraus können daher nicht wiederholt werden.

Verhängung des Ausnahmezustands nach Sturm auf das Regierungsviertel in Bagdad.

Alexander van Bellen (parteilos) wird mit 50,3 Prozent der Stimmen zum österreichischen Bundeskanzler gewählt gegenüber dem Kandidaten der FPÖ.

(Quellen: Deutschlandfunk, Neue Zürcher Zeitung, New York Times, Washington Post, BBC, The Economist)

Monatsrückblick – Mai 2016

|Gesehen| Nicolette Krebitz: Wild – Robert Aldrich: Kiss Me Deadly – und kontemporäres Weltkino: Jia Zhangke: A Touch of Sin (China, 2014) – Amat Escalante: Heli (Mexiko, 2013) – Warwick Thornton: Samson and Delilah (Australien, 2009) – Ritesh Batra: Lunchbox (Indien, 2013) – Anthony Chen: Ilo Ilo (Singapur, 2013)
|Gelesen| Salman Rushdie: Midnight’s Children – Rainer Flassbeck: Das Ende der Massenarbeitslosigkeit (Auszug) – Ernst Gombrich: The story of art
|Gehört| Frédéric Chopin: Klaviersonate No. 1 c-moll op. posth. 4 – Alfred Schnittke: Concerto grosso No. 1 – John Lennon/Plastic Ono Band – Brian Eno: Taking tiger mountain (by strategy)
|Getan| mit dem Rad aus München raus an der Isar entlang gefahren und wieder zurück – gewandert auf dem E11 von Potsdam nach Nikolassee und gewandert im Grumsiner Forst (Uckermark) – im ICE in der ersten Klasse gereist
|Gegessen| Schnitzel mit Spiegelei und Bratkartoffeln, Carpaccio von der Zunge, Eis von Ballabeni, Türkisch im Hasir, Spargelsalat mit Parmaschinken, Möhrenpaste mit Harissa und Pistazien (Ottolenghi), Zerdrückte Alb-Linsen mit Tahini und Kreuzkümmel (Ottolenghi)
|Getrunken| Spezi aus dem Humpen, Weißbier, sehr sehr sehr guten méthode rurale Rieslingsekt (Weingut Bäder, Rheinhessen)
|Gedacht| Team Kurzurlaub!
|Gefreut| über den Gesang der Nachtigall vor unserem Fenster
|Gestaunt| über die waagrechten Pupillen von Ziegen
|Gelacht| über die popkulturelle Referenz zu den waagrechten Pupillen der Ziegen – über unsere Versuche, zu One-Minute-Sculptures zu werden – über Karl Poppers Übersetzungshilfen für Texte der Frankfurter Schule
|Geärgert| über die Voice-meets-Yoga Veranstaltung im Kloster Chorin, die uns darin hinderte das Kloster zu besichtigen – über wirtschaftspolitische Texte, die alles mit allem vermischen und bei weitem nicht alles erwähnen
|Gekauft| Besen mit Gummiborsten für den Kücheneinsatz
|Gewünscht| dass es manchmal einfacher wäre
|Geklickt| Karte mit eingezeichneten Wanderwegen, norwegischer Wettervorhersagedienst

Angst als Thema in James Bond Filmen: Es ist nur der Schurke

Nehmen wir mal an, dass Filme zur Verarbeitung von Ängsten dienen. Da gibt es Hitchcocks Filme, die sich dem Thema auf psychoanalytischer Weise nähern. Und da gibt es die Tradition der amerikanischen Blockbuster, welche die Existenzangst von Massen, genauer gesagt der Nation oder sogar der gesamten westlichen Welt beschreiben. Die Menschen sehen sich in diesen Filmen häufig der Angst, ausgelöscht zu werden, ausgesetzt, beispielsweise konkretisiert durch Naturkatastrophen, feindliche Staaten, Maschinen, Menschen mit Superkräften, Aliens, Zombie et cetera. An der Aufzählung wird ersichtlich, dass sich die Ängste teilweise in sehr unrealistischer Weise manifestieren (zumindest ist die empirische Evidenz für die Existenz von beispielsweise Aliens und Zombies bis jetzt recht dünn). Jedenfalls findet die Behandlung der Ängste auf der Couch statt: Die Filme zeigen immer ein Happy-End.

Die James Bond Filme reihen sich in diese Art von Filmen ein. Weiterlesen

Die Malerfürsten Münchens

Wir waren zu Besuch bei Münchens Malerfürsten: Franz von Lenbach (1836-1904) und Franz von Stuck (1863-1928). Was macht die beiden zu Malerfürsten? Nun, sie waren Zentrum des gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens in München und wurden letztlich beide in den Ritterstand erhoben. Vor allem Lenbach kam dabei das beginnende Kunstinteresse der bayerischen Regenten sowie des Adels und der Bürger zugute. Stuck war Professor an der Akademie der Bildenden Künste und war dort Lehrer von Wassily Kandinsky und Paul Klee. Beide Malerfürsten haben sich prächtige Wohnsitze gebaut, die heute als Museen besichtigt werden können: der eine am westlichen Ende der Münchner Innenstadt im Renaissancestil, der andere am östlichen Ende ein Gesamtkunstwerk im Jugendstil.

Im Geburtsjahr Stucks macht sich Lenbach zu seiner zweiten Italienreise auf. Er wird dort Kopien der Klassiker der Gemäldekunst für Adolph Friedrich von Schack anfertigen. Zuvor hatte er schon eine Professur an der Großherzöglichen Kunstschule in Weimar angenommen. Sein Malstil ist noch von impressionistischen Elementen geprägt und an seinem Porträtstil, der im später Aufträge Bismarcks, des deutschen und österreichischen Kaisers und des Papstes einbringen wird, arbeitet er noch. Als Lenbach stirbt, ist Stuck schon wieder seinen Ruf als Kunstrebell los. In Opposition zu Lenbach war er 1892 Gründungsmitglied der Müncher Secession gewesen. Der Erneuerungsgedanke in der Kunst lebt aber in seinen Schülern Kandinsky und Klee fort, die 1909 die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) und 1913 die Münchner Neue Secession gründen.

Wenn man das Lenbachhaus betritt, fällt der Blick sofort auf das von hoch oben herabhängende Wirbelwerk von Olafur Eliasson. Die Kunstwerke werden im Lenbachhaus in Räumen mit geschmackvollen Wandbezügen sehr gekonnt in Szene gesetzt. Ein spannender Kontrast zur Sammlungspräsentation bieten die noch erhaltenen Atelierräume von Franz von Lenbach. Heute kaum mehr vorzustellen wie der Maler in diesen von Holz und Tapeten dunklen Räumen leben und vor allem arbeiten konnte.

Die Sammlung im Lenbachhaus ist für die Gemälde der Künstler um den Almanach Der Blaue Reiter berühmt, die ihren künstlerischen Durchbruch in München vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten. Wassily Kandinsky und Franz Marc sind die Initiatoren. Paul Klee ist auch beteiligt. Mit Kandinsky verbindet ihn die Musik. Klee folgt Kandinsky aber nicht in seiner auf der Musik basierenden malerischen Utopie. Beide schätzen sich aber auch noch in den 20er Jahren als Kollegen am Bauhaus. Klee und Marc experimentieren in den beiden Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im regen Austauch mit Formen und Farben und decken das Mystische in Natur und Kosmos auf. Mit August Macke unternimmt Klee eine Reise nach Tunis, die Inspiration zu lichtdurchfluteten Bildern ist. Weniger später stirbt Macke als einer der ersten auf dem Schlachtfeld. Auch Marc geht überzeugt in den Krieg, Klee bleibt als Pazifist in München. Als Klee 1916 eingezogen wird, ist Marc bereits eine Woche Tod.

Im Lenbachhaus hängt auch ein Bild von Franz von Stuck. Seine Salome ist Erotik, Exotik und Schrecken zugleich, aber auch ein Beispiel für die Salome-Manie der Zeit (Oscar Wildes Stück von 1891 und Richard Strauss Oper von 1905). Weiterhin habe uns die Werke der Nachkriegsmaler gefallen, wie Rupprecht Geigers Ode an die Farben, besonders an das Rot, Asger Jorns maximal expressive Art Harmonie darzustellen, Isa Genzkens Selbstporträt mit Weinglas (X-Rays), das uns im wahrsten Sinne das Innere der Künstlerin präsentiert, eines der STRIP-Gemälde von Gerhard Richter, die computergesteuert hergestellt wurden und Hans-Peter Feldmanns Laden 1975-2015, der den von ihm in Düsseldorf betriebenen Laden für Geschenkartikel und Antiquitäten in natura darstellt. Natürlich dürfen beim Thema Malerfürsten auch die Installationen des selbstsicheren Beuys nicht fehlen (vor dem Aufbruch aus Lager I und zeige deine Wunde).

Franz von Stucks Villa befindet sich in Bogenhausen und besteht aus zwei Gebäudeteilen, dem Wohnhaus und dem Atelier. Innen können die Wohnräume im Erdgeschoss in originaler Austattung besichtigt werden. Die Räume stehen, was die Dunkelheit angeht, denen in der Lenbachvilla in nichts nach. Dies liegt im Musiksalon daran, dass der Vorhang vor dem großen Fenster zugezogen ist. Wahrscheinlich ist das aus konservatorischen Gründen der Fall, da dieser Raum komplett mit Wandmalereien überzogen ist, die an die Ausstattung der Häuser in Pompeji erinnert. An der Decke funkeln die Sterne, an den Seiten stehen sich Orpheus und Pan gegenüber. Hat Stuck im Empfangssalon Klee bescheinigt, dass er sich noch nicht zum Berufskünstler einigt, worauf dieser zum Selbststudium wieder zurück nach Bern ging?

Im gewaltigen Kontrast zur Herrlichkeit der Stuck-Villa steht die Austellung über den österreichischen Künstler Hermann Nitsch. Seine Spezialität sind Schüttbilder, bei denen er Tierblut als Farbe benutzt. Berühmt wurde er als Vertreter der Gruppe des Wiener Aktionismus, die in den 60er Jahren mit ihren Aktionen staatlichen und kirchlichen Autoritäten entgegen traten.  Bei den Aktionen floss viel Tierblut über nackte menschliche Haut. Dargestellt wurden Kreuzigungen, die unbefleckte Empfängnis oder die Ausweidung und Zerreißung eines Lammes. Manchem Tierschützer oder gläubigen Menschen ging das zu weit, weshalb Gefängnisaufenthalte der Künstler keine Seltenheit waren.

Gesehene Werke von Paul Klee im Lenbachhaus: Botanisches Theater, Kakteen, Zerstörter Ort, Stadt R, Früchte in Rot, Rhythmisches strenger und freier, Der wilde Mann

München leuchtete

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.

Thomas Mann, Gladius Dei, 1902.

Nun, bei uns war es im Mai, nicht im Juni, und dennoch fängt der Beginn von Thomas Manns Erzählung „Gladius Dei“ sehr schön die Stimmung in der Stadt ein. Für vier Tage – am langen Christi Himmelfahrts Wochenende – haben wir München besucht.

Tag 1, Donnerstag: Ankunft am Bahnhof um halb elf – gerade noch rechtzeitig ins Schneider Bräuhaus im Thal, um bei Blasmusi Weißwurst zu essen – danach Flucht aus dem Bräuhaus (wir hatten das Schild am Stammtisch berührt und damit eine Saalrunde riskiert) – zur Austellung von Werken des Centre Pompidou im Haus der Kunst und Spaziergang zurück zum Hauptbahnhof – zum Schluss Treffen beim Italiener in der Maxvorstadt mit unserer lieben Gastgeberin.

Tag 2, Freitag: Spaziergang durch die Maxvorstadt. Zunächst zum Alten Nordfriedhof.

Weiter über den Elisabethplatz zum Lichthof im LMU Hauptgebäude, um die Gedenkstätte der Weißen Rose zu besichtigten.

Danach Brotzeit im Milchhäusl im Englischen Garten – Eis bei Ballabeni – Besuch des Lenbachhauses am Königsplatz und der Villa Stuck in der Prinzregentenstraße.

Tag 3, Samstag: Fahrradtour vom Hauptbahnhof über das Sendlinger Tor hinaus zur Isar – an der Isar entlang bis zur Waldwirtschaft in Großhesselohe – zurück über den Isartalbahnradweg Richtung Innenstadt mit Abstecher in den Westpark. Am Abend haben wir einen Tisch im Broeding reserviert.

Tag 4, Sonntag: Fahrradtour zum Olympischen Dorf und durch den Olympiapark – am Biedersteiner Kanal entlang mit einem Abstecher in die Borstei bis zum Nymphenburger Schloss – Brotzeit im Hirschgarten und zurück in die Maxvorstadt.

Packen und mit dem Zug nach Hause.

Monatsrückblick – April 2016

|Gesehen| House of Cards Staffel 4 – Gus van Sant: Last days
|Gelesen| Orhan Pamuk: Das neue Leben – Philip Ursprung: Die Kunst der Gegenwart- Thomas Kuhn: The structure of scientific revolutions – Salman Rushdie: Midnight’s Children – Hermann Kulke und Dietmar Rothermund: Die Geschichte Indiens, Vorgelesen: Pondarosa von Michael Sieben, Kristof Magnusson: Arztroman
|Gehört| Dimitri Shostakovich: Symphonie No. 5 – Mozart: Requiem
|Getan| im Botanischen Garten in Berlin gewandelt
|Gegessen| Banh Beo, das traditionelle Gericht der Küche von Hue (Vietnam) – Risotto mit grünem Spargel – Spargelpfannkuchen – Mittagessen im William am Staatsschauspiel Dresden – Abendessen im „großen“ Saigon – jede Menge selbst gebackene Bagels
|Getrunken| Vertonic: Noilly Prat (Vermouth) mit Tonic Water, Basilikum, Gurke, Minze
|Gedacht| so langsam könnte es mal wärmer werden
|Gefreut| endlich ein gemeinsames Haushaltskonto
|Gelacht| über corned beef
|Geärgert| Über eine runtergefallene, zerbrochene Milch im Supermarkt und ein vergessenes Frühstücksbrot am selben Tag.
|Gekauft| Geburtstagsblumen für J., Spargel, die ersten Erdbeeren
|Gewünscht| dass es die Zeit gut mit uns meint
|Geklickt| Ottos Reise, fitnessblender.com (für Yoga und Pilates zu Hause)

Museum der Bildenden Künste Leipzig

Dass Dresden die Stadt der Fürsten ist und Leipzig die Stadt der Bürger, kann man anhand ihren jeweiligen Kunststandorte erkennen. In Dresden sticht unter anderem die Gemäldegalerie Alte Meister, die im unter König Friedrich August II. errichteten Semperflügel des Zwingers untergebracht ist, heraus.

In Leipzig haben wir nun zum einen die Galerie eigen+art erkundet, die in einer Halle der ehemaligen Baumwollspinnerei unterbracht ist. Die Galerie vertritt unter anderem Neo Rauch, dessen Werke bei unserem Besuch aber nicht zum Verkauf ausgestellt waren. Dafür haben wir uns etwas über die Preissetzung bei Werken von jungen Künstlern informiert. Im Grunde legen die Galerien einen Faktor für jeden Künstler fest. Der Preis variiert dann noch je nach Bildgröße. Somit zahlt man nach diesem simplen Prinzip mehr, je größer das Bild innerhalb der Werkgruppe des Künstlers ist. Zudem haben wir erfahren, dass man auch Videokunst kaufen kann – und dass diese auch gekauft wird. Mit vierstelligen Beträgen ist man in der Galerie eigen+art dabei. Bei Zahlung wird ein USB-Stick übergeben mit der Versicherung, dass insgesamt nur eine kleine Anzahl weiterer Kopien zum Verkauf angeboten werden.

Unsere zweite Station war das Museum der Bildenden Künste im Zentrum von Leipzig. Die Institution wurde 1848 eröffnet (im Frühjahr des nächsten Jahres beteiligt sich der Königlich-Sächsische Kapellmeister Richard Wagner im benachbarten Dresden am Maiaufstand und muss deshalb aus der Stadt flüchten). Die Sammlung fußt auf Stiftungen der Bürger, ähnlich wie in Frankfurt die Sammlung des Städels.

https://www.youtube.com/watch?v=zw6YldNuKWM

Uns hat sowohl die Architektur des Gebäudes als auch die Sammlung und deren Präsentation sehr gefallen. Die äußeren Wände des Gebäudes sind aus halbtransparentem Glas gefertigt, das jederzeit einen Blick über die umgebenden Straßen der Stadt zulässt. Der Eindruck von Weite und Transparenz im Gebäude wird von den sehr hohen Raumhöhen und den immer wieder durchbrochenen Betonwänden ergänzt, was Blicke über mehrere Etagen erlaubt. Die riesigen zur Stadt hin offenen Räume werden genutzt, um raumgreifende Installationen in Szene zu setzen. Beeindruckend ist der Eingang durch die Cafeteria, an deren Decke in 17 Meter Höhe ein riesiges Deckengemälde von Ben Willikens zu entdecken ist, das mit Hilfe eines postmodernen Trompe l’oeils die Öffnung in den Himmel suggeriert.

Die Sammlung geht quer durch die Jahrhunderte. Die chronologische Präsentation wird in den einzelnen Räumen immer wieder durch ein zeitgenössisches Werk unterbrochen bzw. ergänzt, um Bezüge über die Jahrhunderte hinweg zu verdeutlichen. Altes wird dadurch immer wieder in Kontrast zu Neuem gesetzt. Am frappierendsten ist der Effekt bei einem Gemälde von Werner Tübke, das so altmeisterlich gemalt wurde, dass man es nicht sofort als das zeitgenössische Werk im Raum unter den Werken des Barocks erkennt.

Gespannt waren wir auch auf die Präsentation der Vertreter der Leipziger Schule und der Neuen Leipziger Schule, größenteils Absolventen der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Wir verfolgten ja schon in der Baumwollspinnerei vergeblich die Spuren von Neo Rauch. Hier haben wir nun zwei seiner Werke sehen können: Das Schilfkind und Unter Feuer. Die zwar figürliche aber rätselhafte Bildsprache sorgt dafür, dass man auch vor zwei Werken von Neo Rauch eine ganze Weile stehen bleiben kann. Andere Highlights der Leipziger Schule waren Bilder von Wolfgang Mattheuer (Hinter den sieben Bergen), Bernhard Heisig und Werner Tübke (Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze).

Zuletzt sind wir noch durch die Austellung von Anselm Kiefer Die Welt – ein Buch geschlendert.

Auf dem Nachhauseweg sind wir noch etwas auf der Leipziger Notenspur gewandelt. Der Weg führt entlang von Stationen, die mit der Geschichte Leipzigs als Musikstadt zusammenhängen. Wir sind beispielsweise am Grafischen Viertel vorbeigekommen, wo sich die ersten Musikverlage der Welt befanden.