Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

Letztens haben wir uns mal den frisch restaurierten Teil der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden angeschaut. Die Gemäldegalerie ist in einem Flügel des Zwingers untergebracht, der von Gottfried Semper gestaltet wurde. Zur Einstimmung hatten wir deshalb zuvor im Restaurant des Dresdner Schauspielhauses, was einen großartigen Blick auf den Zwinger bietet, gegessen.

Vorne weg: Die Sammlung ist auf jeden Fall in der weltweiten Spitzenklasse angesiedelt (u. a. ablesbar an den mit großen Oh und Ah durch die Räume rauschenden Besuchergruppen aus Japan), allerdings hat uns die Präsentation nicht all zu sehr inspiriert. Die Hängung war zwar nach Zeit und Sujets gruppiert, es waren jedoch keine thematische Erläuterungen für die einzelnen Räume oder Bilder angebracht. Trotzdem hatten wir einigen Spaß die international bekannten Knaller der Sammlung zu entdecken oder Bilder aus Gs Jugenderinnerung.

Entstanden ist die Gemäldesammlung unter August dem Starken (1670-1733) und seinem Sohn Friedrich August II. vor allem durch den Kauf von Werken aus der Sammlung Francesco III., Herzog von Modena. Dies erklärt auch den Schwerpunkt der Dresdner Gemäldesammlung auf italienische Werke der Renaissance, des Manierismus und des Barocks.

Die folgenden Gemälde haben uns am besten gefallen. Wir haben keine Fotos gemacht, die hochauflösenden Bilder kann man wunderbar ergoogeln.

Der Marienaltar von Jan van Eyck (1437): Im mittleren Teil zeigt der Altar im weiten, roten Gewand die thronende Maria, die Jesus dem Erzengel Michael (mit bunten Flügeln) und dem Stifter präsentiert. Maria ist zwischen zwei Säulenreihen dargestellt, was die räumliche Plastizität der Szene verstärkt. Van Eyck ist für die Darstellung von Materialien berühmt. Hier sind es vor allem die Stoffe des Baldachins und der Teppiche sowie das Bodenmosaik, die trotz der geringen Größe des Mittelbildes (33,1 × 27,5 cm) detaillierte Muster zeigen. Altäre sind für die persönliche oder öffentliche Andacht angefertigt worden. Die Innenseiten wurden nur zu bestimmten Anlässen gezeigt. Die im zusammengeklappten Zustand zu sehende Außenseite des Altars zeigt die Verkündungsszene in Grisailletechnik (leider steht der Altar in Dresden nicht frei, so dass die Außenseite praktisch nicht zu sehen ist). Grisaille verwendet nur Weiß, Schwarz und Grau als Farben, wodurch van Eyck die Illusion (Tromp l’oeil) von Skulpturen erschafft. Im geschlossenen Zustand scheint der Altar also Teil der Wand geworden zu sein.

Raffaels Sixtinische Madonna (1512) ist der internationale Hit der Sammlung. Jeder kennt wohl die beiden Putten am unteren Bildrand, die schon seit dem 19. Jahrhundert separat vermarktet werden. Das Gemälde ist sehr prominent gehängt. An der Wand, die das Ende einer Gangflucht von mehreren Räume bildet, kann man es schon von Weitem immer wieder sehen. Die Darstellung Marias ist allerdings beeindruckend. Ihre nackten Füße berühren eine Wolke. Sie befindet sich also im Himmel (man kann bei genauem Hinschauen die himmlischen Heerscharen erkennen). Man kann sie durchaus als schön empfinden. Aber vor allem strahlt sie eine unvergleichliche Ruhe aus sowie eine Balance zwischen Standhaftigkeit (fest im Glauben) und Leichtigkeit (Milde des Glaubens). Insgesamt wirkt sie äußerst souverän. Unterstützt wird das sicherlich durch die Inszenierung: Raffael will uns zu verstehen geben, dass wir auf die Madonna blicken, nachdem gerade der schwere, grüne Vorhang weggezogen wurde. Das Gemälde ist übrigens im Auftrag des Papstes zur Feier des Sieges über die Franzosen entstanden. August III. hat es erwerben können, da die Besitzer eine Finanzierung für die Sanierung ihres Klosters benötigten. Neben den Putten sind noch zwei flankierende Personen dargestellt, die interessanterweise alle auf unterschiedliche Weise im (Blick-)Kontakt miteinander stehen und den Betrachter mit einbeziehen.

Giorgiones/Tizians Schlummernde Venus (1510) hat selbst heute noch eine stark erotische Wirkung. Ein nackte Frau liegt schlafend über die gesamte Bilddiagonale hinweg gestreckt, während die Hand auf ihrer Scham ruht. Sicherlich hilft es zur Kühlung des Gemüts (der Renaissance-Menschen), dass uns gesagt wird, eine Göttin – nicht irgendeine Frau – ruhe hier. Und es ist nicht irgendeine Göttin, sondern Venus, die Göttin der Schönheit. Gezeigtes und Benanntes sind also konform. Und trotzdem: so nackt in der (arkadischen) Landschaft, im recht realistisch gemalten Gras zu liegen. Ist das Leichtsinn oder göttliche Erhabenheit? Oder schläft sie gar nicht und lauert sogar? Und der Maler Giorgione hat wahrscheinlich seine Liebe zu einer Frau unsterblich machen wollen, in dem er ihr Portrait festhält – mit Baumstumpf als Symbol für das Leben und den Tod.

Correggios Heilige Nacht (1522/1530): Es ist Nacht und wir bestaunen das gerade im Stall geborene Jesuskind in den Armen seiner Mutter. Die Szenerie ist illuminiert mit hellem Licht, das Jesus bescheint. Oder geht das Licht doch von Jesus selbst aus und erhellt Marias Gesicht? Der Heiland als Sendbote, von dem alles Gute ausgehen wird wie Lichtstrahlen, welche auch die finsterste Nacht durchdringen. Jedenfalls können alle Beteiligten die Szenerie gut sehen: die Hirten, Magd, Joseph, die Tiere des Stalls und auch die Engel im Himmel, die sich von links oben ins Bild schieben. Aber wo sind die heiligen drei Könige aus dem Morgenland? Der Aufbau des Bildes ist jedenfalls auf Dramatik aus. In Dresden hängt das Gemälde weithin sichtbar am Ende einer Flucht von Räumen.

Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster von Jan Vermeer (1657): Dessen Bilder erzählen immer eine Geschichte, deren Anfang und Ende von unserer Phantasie ergänzt werden muss. Der Titel beschreibt den dargestellten Moment. Und doch ist da mehr. Vordergründig ist eine Obstschale dargestellt, deren Inhalt sich teilweise auf den Tisch verteilt hat. Der Brief traf wohl überraschend ein. Jeder fragt sich, was in ihm steht und von wem er kommt. Oder ist das nicht wichtig und Vermeer wollte uns nur den ach zu alltäglichen Moment des Erhalts von Neuigkeiten darstellen? Immerhin fühlen wir uns der Szene sehr nah. Wir können den Stoff der Bettdecke fühlen und nehmen die Spiegelung im Fenster als Anwesende wahr. Und doch: wir wissen nicht, was sich hinter dem nicht ganz vorgezogenen Vorhang verbirgt. Und wir wissen nicht, was die Lesende sieht, wenn sie aus dem Fenster blickt – außer Hoffnung?

Rembrandt von Rijn, Selbstbildnis mit Saskia  (1635/38) oder Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn: Zum einen zeigt uns Rembrandt die Beziehung zu seiner Frau Saskia. Uns zugewandt können wir sehen, dass beide glücklich sind. Es liegt sogar etwas Frivolität in der Luft, da Rembrandt den Rock von Saskia vor unseren Augen hebt. Rembrandt erhebt sein Glas, um uns zuzuprosten. Die Stimmung kippt, wenn wir in den Hintergrund blicken. Dort sehen wir eine Fasanenpastete. Der Fasan ist ein Symbol für Schönheit aber auch für Stolz und Eitelkeit. Und so zeigt sich uns Rembrandt zum anderen als der verlorene Sohn der biblischen Erzählung. Der wird als Zweitgeborener vom Vater ausgezahlt und zieht in die Ferne. Dort gibt er all sein Geld aus. In diesem Moment befindet sich Rembrandt. Doch der verlorene Sohn kehrt zu seinem Vater zurück und wird glücklich wieder aufgenommen.

Jan Davidszoon De Heems Früchte neben einem Blumenglas (1670/72) sind ein typisches Beispiel für die Stillleben der niederländischen Malerei. Ganz in der Tradition van Eycks ist die materielle Beschaffenheit des Dargestellten äußerst genau wiedergegeben: Beispielsweise spiegelt sich im Blumenglas ein Fenster, und beschreibt somit gleichzeitig Spiegelung und Durchsichtigkeit als Charakteristika von Glas. Die Farbigkeit der Blumen wird verstärkt durch den Kontrast des fast völlig schwarzen Hintergrunds. Als zusätzlichen Effekt kann man alle Tiere suchen, die sich im Bouquet verstecken – ein klassisches Wimmelbild.

La belle chocolatière de Vienne (1743/45), bekannt als das Schokoladenmädchen, von Jean-Étienne Liotard ist offensichtlicherweise in Wien, in Pastelltechnik, entstanden. Vergleichbar mit Raffaels Putten ist das Bild zu einer wirtschaftlich genutzten Berühmtheit geworden. Nachdem ein amerikanischer Geschäftsmann auf der Durchreise das Bild zum Markenzeichen seines Kakaoprodukts gemacht hatte, sind ihm einige andere gefolgt, indem sie ähnliche Darstellungen von Mädchen mit einem Kakao auf einem Tablett für ihre Produkte nutzten.

Zum Schluß noch mal ein Kunsthit, mit dem Dresden verbunden wird. Es sind die Veduten von Bernardo Bellotto (aka Canaletto). Bellotto stammt aus Venedig (man sagt, dass das besondere Licht der Stadt, den Farbstil der Maler beeinflusst) und darf nicht mit seinem Onkel G. A. Canal verwechselt werden, der ebenfalls Canaletto genannt wird und Veduten von Venedig anfertigte. Bellotto stieg also in die Fußstapfen seines Onkels und lieferte für mehrere europäische Höfe, darunter Dresden, Wien, München und Warschau, Stadtansichten. Bellotto war Hofmaler in Dresden und konnte sich anhand der dort vorhandenen Gemäldesammlung weiterbilden. In Dresden wird anhand der Veduten besonders deutlich, was konservatorische Arbeit in Museen bedeuten kann. Die Gemälde sind fast vollständig ihrer Farbigkeit beraubt, da sie in einer Galerie unter starker Sonneneinstrahlung stehen. Die Zeiten überdauern wird aber sicherlich der „Canaletto-Blick“: Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke… .

Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin

Wir haben uns an einem dunklen Wintertag kontemporäre Kunst aus der Sammlung von Friedrich Christian Flick im Hamburger Bahnhof angeschaut.

Im zentralen Raum – der ehemaligen „Wartehalle“ – sind zwei Installationen ausgestellt: Zum einen Paul McCarthys Saloon Theater – Besucher betreten einen Holzbau, der in mehrere Räume unterteilt ist – in den Räumen werden Pornos an die Wände und Decken projeziert, die in der Szenerie von Cowboy-Filmen spielen – die Räume sind niedrig, containerartig – der Boden und die Wände sind schräg – Unwohlsein entwickelt sich schnell.

Zum anderen Richard Jacksons 5050 Stacked Paintings – Bilder befinden sich nicht (mehr) an der Wand sondern sind aufeinander gestapelt, und bilden als ansteigende Wände einen spiralförmigen Gang, der den Besucher zum Zentrum geleitet – die Leinwand wird zur Skulptur – jede Leinwand wurde vom Künstler selbst gefertigt – an einer Stelle findet sich ein hängengebliebener Arbeitshandschuh als Zeuge des Schaffensprozess.

In den anschließenden Hallen finden sich unter anderen diese Werke:

Jason Rhoades, A Few Free Years – in zwei Reihen aufgestellte dröhnende Spielautomaten durch einen schmalen Mittelgang getrennt – Erstaufstellung war 1998 in der Wiener Secession unterhalb des Beethovenfrieses von Gustav Klimt – an einem Baugerüst über den Automaten hängen Einzelteile der Reproduktion des Klimtwerks herum – die Installation spottet dem Freiheitsgehalt/-anspruch der Kunst („Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“).

Dieter Roth/Björn Roth, Gartenskulptur – riesige, eine ganze Halle einnehmende Installation aus unter anderem Pflanzen, Elektronikgeräten, Lebensmitteln, Kleidungsstücken, die er über Jahre hinzufügte – Recycling und Verfall – Kunst als eines sich „fortwährend veränderndes, vergängliches organisches Gebilde“ (Urszula Usakowska-Wolff).

Thomas Schütte, The Laundry – Holzmodelle von Waschmaschinen und über Wäscheleinen gehängte Stoffe mit (Sinn-)Sprüchen – eine alltägliche Situation wird mit Bedeutung aufgeladen.

Katharina Fritsch, Messekoje mit vier Figuren –  religiöse Verehrung trifft auf Konsum –  Waren als quasi-religiöse Gegenstände oder der Glauben als etwas Veräußerbares.

Wolfgang Tillmanns, truth study centre – Kollage aus eigenen Fotos, Auszügen aus Zeitungen, Büchern und anderen Dingen, die auf Tischen gezeigt werden – ausgestellt ist die Macht absoluter Wahrheiten (Dogmen, Fundamentalismus, Ideologie)  – die Ansammlung des Materials lässt vielfältige inhaltliche Bezüge zu: Vielfältigkeit – politisch aktivistische Installation: Wahrheit wird an ihrem Absolutheitsanspruch getestet.

Rodney Graham, School of Velocity: in der Mitte steht ein Flügel, an den Wänden Blätter einer Partitur mit jeweils einer markierten Note – der Flügel spielt Carl Czernys Schule der Geläufigkeit op. 299 – der zeitliche Abstand zwischen den gespielten Noten wird immer größer: Entschleunigung.

Bruce Nauman, Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care –  begehbarer, dreidimensionaler Gang in Form eines Kreuzes – die Installation ist in einer nicht beheizten Halle aufgestellt – die Gänge sind schwach mit orangenen Neonlicht illuminiert – Bewegungen erzeugen blechernen Hall, da die Wände aus Stahl sind – Kälte, Akustik und Dunkelheit bestärken das beklemmende Gefühl.

Joseph Beuys, ich kenne kein Weekend – Reclam-Ausgabe der Kritik der reinen Vernuft von Kant und eine Flasche mit Maggiewürze: eines der vielen Multiples von Beuys -die beiden Objekte stehen in farblicher Korrespondenz (gelb und rot)  – hier im Museum unter Glas ausgestellt, teilweise aber auch im Aktenkoffer: sozusagen Picknickkoffer-  Bedeutungsassoziationen: geistige Würze/Grundnahrungsmittel, Ma(g)gie.

Joseph Beuys, Das Ende des XX. Jahrhunderts – im Raum verstreute Basaltblöcke – Trümmer/Knochen/Leichen – in jeden Basaltblock wurde ein konisches Loch gebort – der Bohrkern wird ausgegleitet mit Lehm und Filz zurückgelegt – Hoffnung durch die Erneuerung eines Teiles.

Joseph Beuys, Unschlitt/Tallow – Fettblöcke, die den toten Raum ausfüllen, der beim Bau einer Fußgängerbrücke in Münster enstanden ist – Fett als essentieller Stoff des Lebens, energiespeichernd und energiespendend, je nach Umgebungstemperatur fest oder flüssig.

Alte Nationalgalerie Berlin

Zu Besuch in der Alten Nationalgalerie in Berlin, in der Bildende Kunst vom Klassizismus bis zum Impressionismus – also grob gesagt das 19. Jahrhundert – zu sehen ist.

Das Museumsgebäude wirkt recht imposant: Auf einem hohem Sockel ruht ein Bau im Stil eines antiken Tempels (vergleiche das Parthenon in Athen). Heute betreten wir das Museum ebenerdig durch die Kutschendurchfahrt,  früher konnten die preußischen Herrscher über die Freitreppe den Kunstolymp betreten. Wenn man um das Gebäude herumgeht, erkennt man, dass der gegenüberliegende Abschluss des Baus eine Kirchenapsis darstellt. In der Tat war diesem Tempel-Schloss-Kirchen-Bau von Anfang an (1867) der Zweck eines Museums zugewiesen.

Im übrigen standen wir schon einmal kurz vor dem Eintritt in das Museum: An einem Sonntag, in sengender Hitze, im Sommer 2015 – nach einiger Zeit gaben wir das Warten auf. Nachträglich haben wir deshalb also nicht zum Rekordergebnis der historisch bestbesuchtesten Ausstellung des Hauses beigetragen…

Eines der Highlights der Sammlung sind auf jeden Fall die Werke von Caspar David Friedrich, dessen Mönch am Meer und Abtei im Eichwald gerade frisch restauriert worden sind. Da die Gemälde so viel gesehen sind, zeigen wir hier noch ein paar andere Impressionen.

 

Ostwärts

Zu Ostern hatten wir uns das Ziel gesetzt, zu G’s Eltern nach Döbeln mit dem Fahrrad zu fahren. Weimar bestimmten wir als Startpunkt für die dreitägige Reise, so dass uns der Weg immer Ostwärts  durch Teile Thüringens, Sachsen-Anhalts und Sachsens führte.

Wie gesagt starteten wir unsere erste Etappe (71km) im alten Weimar am späten Vormittag des Gründonnerstags. Die ersten Meter schlängelten wir uns durch das Museum Weimar vorbei am Geruch der Rostbratwürste auf dem Markt, dem früheren Wirtshaus Elephant (heute Luxushotel) sowie den unzähligen Wirkungsstätten und Denkmälern der schon lange  im Kanon verewigten alten deutschen Meister: Goethe, Schiller, Herder, Nietzsche, Bach, Liszt, Wagner, Strauss,  Cranach, Gropius, und so weiter. Aus der Stadt heraus fuhren wir in der Ilmaue und schenkten dem Gartenhäuschen Goethes einen zart-leichten Gruß – mit Gedanken an all die tollen Geistes- und Liebesreigen in der engen Hauptstadt des kleinen Fürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach.

Weimar geht praktisch nahtlos in sein idyllisches Umland über: um eine Mühle gewachsene Weiher und sanfte, bunte Hügel, in die sich verschlafene Orte niedergelassen haben. Wir fahren teilweise auf den Wegen, die schon Lyonel Feininger für seine Streifzüge genutzt hat, bei denen einzigartig expressive Ortsansichten entstanden sind. Im ersten Moment ist es schwer nachzuvollziehen, wie dieser bei all der runden Naturharmonie zu solch spitz-kontrastierten Eindrücken kam.

Der Weg nach Jena wirkt ausgesprochen ursprünglich, so dass wir uns sehr gut vorstellen können, was Goethe und Schiller auf ihren Reisen zueinander durch die Fenster der Kutschen gesehen haben könnten. Eine Abfahrt führt uns hinunter in das Zentrum von Jena, dass angeschmiegt an die Saale zwischen drei Hügeln liegt. Die Universität, die schon 1558 gegründet wurde, gab sich ihren Namen nach ihrem ehemaligen Philosophieprofessor  und Dozent für Geschichte Friedrich Schiller. Sie liegt mit ihrem Hauptgebäude mitten in der Stadt und diente uns als Raststätte.  Im Hof, der sich durch die umstehenden Nachkriegszweckbauten bildet, aßen wir im Gewusel der mittäglichen Studentenmassen in der vegetarischen Mensa „Vegetable“.  Halb beeindruckend, halb befremdlich wirkt der Jentower, der in den siebziger Jahren erbaut wurde. Er ragt zwar mitten in der Stadt auf eine abrupte Höhe von 145 Metern hinauf, erscheint aber in seiner zylindrischen Form und der Außenhaut aus Glas recht modern.

Ein paar Kilometer die Saale aufwärts treffen wir auf Lobeda, die Trabantenstadt Jenas, die Mitte der Sechziger Jahre für die Arbeiter des Carl-Zeiss-Kombinats errichtet wurde. Auf einem künstlichen Hügel bietet sich unverstellter, totaler Blick auf das Plattenbau Ensemble. Wir können zwischen den Blöcken hindurch das dahinterliegende Jena nur erahnen, und wenn wir uns umdrehen, haben wir freie Sicht auf die vorbeifließende Autobahn und den Thüringer Wald im Hintergrund. Für was soll man sich an diesem Ort begeistern: Für die Schaffung von günstigem, modernem Wohnraum, den sich Arbeiterfamilien leisten können oder den brutalen Eingriff der massiven Eintönigkeit in eine Idylle aus mittelalterlicher Stadtanlage und Natur? Wir fliehen vor der endgültigen Entscheidung, indem wir nun dem Lauf der Roda aufwärts folgen.

Unser nächstes Ziel ist Stadtroda mit seiner Klosterruine. Das Kloster wurde in der Mitte des 13. Jh. gestiftet und von Zisterziensserinnen unterhalten. Dieser Orden gründete sich auf einem Reformwillen, der auf die ursprünglichen Regeln des Benedikts von Nursia zurückgeht. Die Neugründungen von Zisterzienserklöstern transportierten den gotischen Baustil nach Deutschland, so dass wir heute vor einem typisch romantischen Bild des Mittelalters stehen: Klostermauern aus rotem Stein, die aus dem grünen Rasen erwachsen oder wieder darin zurückkehren, sowie oben spitz zulaufende Fenster und Bögen, die einen strukturierten Raum von einstmal andeuten, der sich heute unbegrenzt, unendlich in den Himmel weitet.

Im Zeitzgrund machen wir Rast und lauschen dem Rauschen des Zeitzbachs. Hier sind wir allein, nur die zahlreichen alten Mühlen begleiten unseren Weg. Der Bach schlängelt sich durch ein Wald, der über die Jahrhunderte die wirtschaftliche Grundlage dieser Gegend war. Im deshalb so genannten Holzland taten früher Köhler ihr Werk, und rauchten Pechöfen zur Herstellung von Holzteer. Heute stehen die Wohnblöcke in Hermsdorf am Autobahnkreuz größtenteils leer. Nur spärlich erkennen wir im Vorbeifahren Anzeichen für übriggebliebene Bewohner, wie etwa Gardinen an den Fenstern – wenn diese nicht sogar schon zerbrochen sind. Im nächsten Ort Bad Klosterlausnitz prangt dann schon wieder die Klosterkirche über dem Ort. Und am Ortsende wird sogar noch das alte Handwerk des Holzleiterbaus betrieben. In der leichten Abfahrt ins Mühltal kreisen unsere Gedanken um diese vielfältigen Eindrücke, so dass wir erst mit einem bißchen Mühe begreifen, dass wir an unserem Ziel der Jugendherberge von Eisenstadt schon vorbei gerollt sind…

Ein Hoch auf die Deutsche Jugendherberge! Wir sind nun Mitglied, und zwar zu zweit als Familie. Die Herbergsmutter hat uns hemdsärmlich erklärt, dass das Bedingung für die Übernachtung ist. Leicht skeptisch überlassen wir uns der einzigartigen Behaglichkeit der Jugendherberge: Eine Mühle am Bach mit Wald umgeben, deren zwei gegenüberliegende Gebäude einen Hof bilden, steile Stiegen hinauf in unsere Klause unter dem Dach, worauf uns der Regen später in der Nacht seine Geschichte trommelt, die wir in den schmalen Betten zu einem Traum weiterspinnen,  Nachtmahl und Frühstück auf kleinen Holztischen im Speiseraum begleitet von Herbergstee.

Am Morgen sind wir ausgeruht und es beginnt die zweite Etappe bis nach Bad Lausick (89km). Es regnet Bindfäden; im Wald des Mühltals ist es nur Nieselregen. Wir kommen auf der ehemaligen Eisenbahntrasse zwischen Rauda und Hartmannsdorf sehr gut voran. Bald überqueren wir auch schon die Weiße Elster bei Crossen. Der Regen hört auf, die Kälte im Körper weicht ein wenig, wenn wir die sanften Hügel am Rand des Elstertals erklimmen.

Zeitz scheint ein recht sehenswerter Ort zu sein. Wir registrieren den Burgberg mit Schloss und ehemaligem Dom – Zeitz war nur kurzfristig ein frühes Bistum, das die Christianisierung der Slawen unter den Ottonen fördern sollte – die Altstadt, sowie die alte Brikettfabrik Herrmannschacht. Lange wollen wir uns allerdings nicht aufhalten, da immer mehr Wolken drohend über uns hinweg ziehen. Und so durchqueren wir Sachsen-Anhalt recht schnell, treffen immer wieder auf die ruhig fließende Elster, in welche Bäume ihre Äste hängen, rattern über das Kopfsteinpflaster schlafender Orte.

Kurz vor der Mittagsrast erwischt uns dann der Regen. Völlig ungeschützt fahren wir gegen Wind, der uns das Wasser ins Gesicht peitscht. Es ist Karfreitag; die Aussicht auf eine warme Mahlzeit im Städtchen Groitzsch treibt uns noch an. Dort angekommen scheint schon wieder die Sonne und es gibt Rehbraten. Wir sind schon seit geraumer Zeit im Mitteldeutschen Braunekohlerevier unterwegs, aber Bekanntschaft mit der damit verbundenen Wirklichkeit machen wir erst nahe dem Örtchen Pödelwitz. Nach längerer Suche dämmert uns, dass es die Straße, auf der es weitergehen soll, so nicht mehr gibt. Dies wird uns dann auch bald bestätigt: „Die haben sie weggebaggert“. Der Braunkohletagebau ist also etwas Lebendiges, das bestehende Straßen auffrisst und dafür einige hundert Meter versetzt neue zur Welt bringt (begleitet von einem 1a Fahrradweg!). Zahlreiche Ausblicke gibt es auf die Gruben und Halden, die durch das Aufschürfen der Erdhaut entstehen. Riesige Stahlkonstruktionen – gleich behebiger Drachen – kratzen mit ihren Schaufeln den Boden auf und spucken den Abraum hinten fontänenartig wieder raus. Ein Förderband durchzieht surrend die Landschaft. Am Horizont dampft das Kraftwerk, aber es drehen sich auch die Windräder und künden von neuen Zeiten.

Auf den letzten Kilometern sind wir noch einmal zu einer Regenpause gezwungen. Vor einem geschlossenen Supermarkt beobachten wir das Kommen und Gehen der Bewohner: Mal mit dem Auto, die ganze Familie oder allein, mal mit hochgezogenen Schultern geradlinig durch den Regen stapfend. Wir können auch beobachten, wie der Regen aus dem Rinnstein im Eimer gesammelt wird und den Pflanzen im Vorgarten zugeführt wird. Später beziehen wir unser Zimmer im Hotel am Bahnhof in Bad Lausick. Von Kurbetrieb ist hier nicht mehr viel zu sehen. Der karmesinrote Stoffbesatz der Möbel hat gelitten. Montagearbeiter und Vertreter scheinen sich hier heute hauptsächlich zur Ruhe zu legen. Abends wärmt uns noch das Wasser des ansässigen Freizeitbads die klammen Knochen.

Bad Lausick verlassen wir am Morgen in dichtem Nebel für die letzte Etappe nach Döbeln (55km). Vereinzelt setzt sich die Sonne über den Orten des Mittelsächsischen Hügellandes durch. Kurz vor dem Zusammenfluß der beiden Mulden – Freiberger und Zwickauer – begrüßt uns ein Storch von seinem Nest. An der Mulde entlang passieren wir die Burg Leisnig, die mächtig auf einem Bergsporn thront. Zuletzt empfängt uns das Kloster Buch mit einer Gulaschkanone, an der wir nicht ohne einen Happen Erbsensuppe zu nehmen, vorbeikommen. Die letzten Kilometer gehen dann wie von selbst…..

Es ist nicht das Schlechteste mit Bob Dylan im Ohr ein letztes Mal auf den Main Quad der Stanford University zu treten, ein letztes Mal den Memorial Court zu durchqueren und unter dem großen Tor hindurchzuschreiten, mit der Nachmittagssonne im Rücken der endlos scheinenden Palmenallee entgegen. „God Bless America“ für einen Moment. Goodbye!

Kosmopolitisches San Francisco

Am Wochenende war ich mal wieder in der Stadt unterwegs. Als erstes führte mich mein Weg den Nob Hill hinauf. Dort oben haben sich die Big 4 (die vier Eisenbahnbarone) im 19. Jahrhundert niedergelassen. Der Snob kann sich auch heute hier oben noch wohl fühlen: Thront dort doch der Pacific-Union Club, ein über hundert Jahre alter elitärer Treffpunkt für den feinen Herrn, der gleich gegenüber auch angemessen im monumentalen Palast des Mark Hopkins Hotel oder im altehrwürdigen The Fairmont  (hier hatten sich die meisten der Delegierten für die Gründungsversammlung der Vereinten Nationen gebettet) logieren kann. Will er es etwas geheimbündlerischer, kann er zur anderen Seite hin auch bei der Freimaurer-Zentrale von Kalifornien vorbeischauen.

Getrennt vom Pacific-Union Club durch einen kleinen Park streckt sich eine beträchtliche Reminiszenz zur europäischen Kultur in die Höhe. Die Grace Cathedral erinnert mit ihrer Fassade stark an Notre Dame in Paris – allerdings haben sie die Kirche hier in der neuen Welt einfach in die entgegengesetzte Richtung gebaut, so dass man nicht von einem klassischen Westwerk sondern von einem „Ostwerk“ sprechen muss. Sei’s drum: Innen entfaltet sich jedenfalls der gotische Gedanke in schönster Weise: Der Blick im hallenartigen Raum führt direkt weiter zum himmlischen Reich und das göttliche Licht flutet in allen Farben durch die Buntglasfenster. Schön wie hier amerikanische und europäische (gotische) Inszenatorik eins sind.

Weiter ging es Richtung Osten. Um die Ecke rum und ich befand mich in einer Demonstration. Europa wirft bis San Francisco seinen politischen Schatten. Pro-oppositionelle Ukrainer tun ihren Unmut über Janukowitsch vor dem deutschen Generalkonsulat kund. Leider verstehe ich nichts, denn Sprechchöre, Reden und auch Gesang sind auf Ukrainisch. Weiter gen Osten stolpere ich dann noch ins chinesische Neujahrsfest: Unglaubliche Menschenmassen in der Grant Avenue; fast nur Chinesen (oder auch andere Asiaten?) schieben sich an unzähligen Ständen vorbei. Zur Feier des Tages finde ich Überwindung, mir Dim Sum als Imbiss zu gönnen.

Wochenrückblick (#20)

Morgen bricht unsere letzte Woche an. Die Fahrräder sind verkauft, ein paar Klamotten haben bereits mit Gs Eltern die Heimreise angetreten. Nun heißt es für uns nochmal die Sonne genießen und dann so langsam Abschied nehmen.

|Gesehen| El Norte; NFC Championship Game 49ers vs. Seattle Seahawks; NBA; The Good Wife (3. Staffel)
|Gelesen| Kevin Starr: California – A history, Dave Eggers: A Hologram for the King
|Gehört| Gustav Mahler Symphonie No. 5; Eric Burdon & The Animals: San Franciscan Nights
|Getan| mit einem Abgeordneten (Republikaner) der Nevada Assembly gesprochen, am Lake Tahoe gewesen, in Squaw Valley und Alpine Meadows Ski gefahren, in Nevada gewesen, in Reno ein Spielcasino von innen angeschaut (aber nicht gezockt), die Golden Gate und die Skyline von den Marin Headlands nach Sonnenunergang angeschaut, am Pazifik nach Muscheln und Treibholz gesucht
|Gegessen| Pasta mit Tomatensauce, Burger in verschiedenen Variationen (den Besten frisch vom Holzkohlegrill an der Bergstation in Squaw Valley), Spaghetti Carbonara, Rib Eye Steak mit Ofenkartoffeln in der Ferienwohnung
|Getrunken| Cherry Coke, Anchor Steam Bock Beer, Barefoot Pinot Noir, nochmal Chai Tee bei Raman in Pescadero
|Gedacht| Die Dürre in Kalifornien wird so langsam zu einem ernsten Problem.
|Gefreut| über das gelungene Amerika-Abenteuer von Gs Eltern
|Gelacht|  über Fisch-Grimassen (Anleitung: Wangen einsaugen, Augen weit aufreissen und sich anschauen und lachen)
|Geärgert| über Höhenangst im Skilift
|Gekauft| eine Regenjacke und himmelblaues „Fell“ für G
|Gewünscht| eine letzte sonnige Woche
|Geklickt| craigslist zum Inserieren von Rädern und Haushaltsartikeln

Basketball in der Halle gegenüber

Am Abend seit einer Ewigkeit mal wieder Basketball gespielt: Vier gegen Vier, half court. Nach einer Stunde war ich komplett geplättet. Bin mit zwei „Handicaps“ in die Partie gestartet: Brille auf der Nase und Schuhe am Fuß, die so rutschig waren, dass ich mich auf dem astrein lasierten Parkett wie eine Primaballerina auf dem Eis bewegte. In der Offensive hielt ich mich mit einem grauenhaften Airball (Wurf, der nicht mal den Ring berührt) und zwei Abstauber-Korblegern zurück. Meiner eigenen Betrachtung nach konnte ich mich in der Defensive ein wenig zum Big G (German) aufschwingen, da die 70 Prozent der Angriffe, die über meinen Gegenspieler gingen, nicht zu 70 Prozent der Punkte gegen uns wurden. Und bei den zwei Partien war ich jeweils im Siegerteam. Ehrlich gesagt glaube ich aber, dass die mich „stiff“ (den Hüftsteifen) nannten. Soviel zu meiner Form… Na ja, jetzt bräuchte ich jedenfalls ein Ermüdungs- äähhh – Entmüdungsbad und dann: Gute Nacht!

SF to LA – Tag 2

Cambria – LA

Am zweiten Tag verließen wir doch recht zügig Cambria und verpassten so das morgendlich beschauliche Treiben dort. Wir hatten halt noch 240 Meilen vor uns bis zum nächsten Etappenziel Los Angeles. Den Frühstückshalt genehmigten wir uns in Pismo Beach. Gemäß unserer Devise „Siehst du Menschen Schlange steh’n, musst du dorthin Essen geh’n“ gab es Zimtschnecken zum Frühstück. Wie schon Raman am gestrigen Morgen, haben wir die Old West Cinnamon Rolls zufällig gefunden: dran vorbeigefahren, Schlange gesehen und angehalten. Die noch warmen Zimtschnecken gibt es pur oder noch mit Toppings wie Nüssen, Mandeln, Rosinen oder sogar Cheesecake-Frosting.

Seinem Namen entsprechend hat der Ort einen enormen Sandstrand und eine ins Meer hinausragende Seebrücke, von der aus man den Surfern zuschauen kann. Hier kommt das erste Mal wirkliches „SoCal-Feeling“ auf, Südkalifornien-Flair: Breite Strände, Surfer, Sonne.

Die einzige Hauptstraße in Pismo Beach ist etwas in der alten Zeit hängen geblieben. Die Cafés und Restaurants erinnern mit ihren aufwendig bunten Leuchtreklamen stark an die Rock’n’Roll-Zeit der 50er Jahre, als das Auto geradezu essentiell für die erste Kontaktaufnahme von Jungen und Mädchen in ihren „Teens“ war (was uns zu George Lucas sehenwertem Highschool-Coming of Age-Rock’n’Roll-Streifen American Graffiti leitete). Etwas von dieser Zeit hallte noch nach, als das ohrenbetäubende Horn eines riesigen Trucks – ausgestattet mit kalifornischer und amerikanischer Beflaggung – unsere Morgenruhe zerriss, um einer Gruppe von Mädchen kokettes Kichern zu entlocken.

Reiseführer geben ja zu einem Großteil die Realität schon ganz gut wieder. Und mit der Krönung von Santa Barbara als die schönste aller kalifornischen Kleinstädte haben sie durchaus nicht zu hoch gegriffen. Wir kamen dort zu Mittag an. Erster Anlaufpunkt war die Mission. Da wir von diesen für die Entwicklung Kaliforniens sehr wichtigen Einrichtungen schon ein paar gesehen haben, schauten wir uns nur sehr kurz um und gingen dann zielgerichtet über den gepflegten Rasen zu der im Baumschatten einladenden Bank, um den zweiten Teil unseres Proviants zu verzehren. Als begleitende Attraktion schauten wir zwei Paaren von Frisbee-Werfern zu, was unsere sommerlich südlandischen Empfindungen unterstützte. Dazu tragen auch die hier recht einheitlich gestalteten Häuser bei: alle in einem Art spanischen Kolonialstil, der die Wände weiß und die Ziegel der Dächer rot erstrahlen lässt.

Die beträchtlichen Menschenmengen im Zentrum von Santa Barbara ließen uns dann doch bald gen LA aufbrechen. Ein kurzes Stück noch im Landesinneren und dann wird der Highway No. 1 wieder zur Küstenstraße. Wir näherten uns aus westlicher Richtung LA. Wer wie einige von uns in den 90er Jahren aufgewachsen ist, dem wird aus dem TV-Konsum Malibu Beach ein Begriff sein. Doch die adretten Rettungsschwimmer aus der Fernseh-Serie (Pamela Anderson, David Hasselhoff und Konsorten) an ihrem weiß schimmernden Strand haben wir irgendwie nicht zu Gesicht bekommen. Allein eine dieser ominösen roten Rettungsbojen hing als Reminiszenz an einem der Rettungshäuschen.

Na ja, irgendwie riefen auch schon die achtspurigen Highways von LA und so zogen wir zügig weiter begleitet von einer kilometerlangen Blechlawine, die sich keineswegs mit uns in Richtung Stadt bewegte, sondern still den Straßenrand säumte: Die Strände zogen (auch?) an diesem Tag unzählige Besucher an, die aufgrund der Enge des Küstenabschnitts nur entlang der Straße eine Chance haben, ihre Schlitten abzustellen.

Unser Hotel, diesmal ein Best Western, war recht einfach zu finden, ist doch alles Wichtige in LA nahe eines Highways. Wir haben nur kurz den Koffer abgestellt und sind dann hinaufgefahren zum Griffith Observatory. Auf den Blick über die Stadt bei Nacht hatten wir uns schon den ganzen Tag gefreut.

Und etwa eintausend andere Menschen auch. Die erste Straße, die zum Observatorium führte, war für den Verkehr gesperrt worden. Auf der zweiten standen hunderte Autos Schlange. Der freundliche Officer erklärte uns, dass der Parkplatz des Observatoriums überfüllt sei und sie erst in 20 Minuten wieder öffnen würden. Wir entschlossen uns, nicht vor Ort zu warten sondern erstmal bei Umami-Burger Abendessen zu gehen und es gegen 21.00 Uhr, eine Stunde vor Schließung, nochmal zu versuchen.

Das hat sich gelohnt. Wir fanden jetzt recht schnell einen Parkplatz und hatten noch genügend Zeit, die verschiedenen Attraktionen des Observatoriums anzuschauen. Allen voran der Blick über die Stadt (siehe Artikelbild oben), der Blick durch das Fernglas auf den momentan gut sichtbaren Jupiter und vier seiner (sechzig) Monde und das Foucaultsche Pendel. Nur einen Blick durch das große Zeiss-Teleskop hat es nicht mehr gereicht, die Schlange war lang und das Ende der Öffnungszeit zu nah. Es ist dennoch der wohl schönste erste Eindruck, den man von einer Stadt (und besonders von LA?!) bekommen kann.

Auf dem Weg zum Hotel sind wir noch durch die abendlichen Boulevards gefahren, vorbei an den teueren Geschäften, den vielen Kinos, den Clubs und den Sternchen im Asphalt. Das ist das LA, wie man es aus den vielen Filmen und aus dem Leben der Stars und Sternchen kennt. Wir streiften diese Seite der Stadt nur kurz, denn auch am nächsten Tag haben wir uns schon wieder zu einem Hügel oberhalb der Stadt aufgemacht.

Hier geht’s weiter mit Tag 3.

SF to LA – Tag 1

San Francisco – Cambria

In die Vorfreude auf unsere Reise nach Südkalifornien mischte sich auch ein gutes Maß an Ungewissheit. Da wir insgesamt nur wenige Tage eingeplant hatten, mussten wir relativ lange Fahrstrecken für jeden Tag auf uns nehmen. Fraglich war deshalb, wie viel wir abseits der Fahrt überhaupt sehen können. Oder, ob wir nur den Transit vollziehen, um rechtzeitig bei unseren vorgebuchten Hotels anzukommen.

Die Etappenziele waren also klar mit Los Angeles (LA) als Hauptziel. Das erschien uns als Wagnis. Wenn man sich ein wenig abseits der touristischen Reiseführer über LA informiert und umhört, dann nimmt man etwa folgende Eindrücke mit: ein einziges Verkehrschaos, in dem der Fußgänger (oder auch der Radfahrer) praktisch nicht existiert; pre-apokalyptischer Moloch; riesiges zersiedeltes Gebiet; oberflächliche Menschen, die einem uniformen Schönheitsideal eisern mit Hilfe zahlreicher OPs nacheifern; ein einziges soziales Problem, das die Superreichen in nächster Nähe zu den Ärmsten und teilweise schon Halbtoten dahinleben lässt (wobei die einen den Schein und die anderen das bitterste Sein nicht verbergen können). Wir fragten uns also, ob LA bei uns überhaupt eine Chance hat, oder ob wir nach ein paar Stunden weiter nach Süden ins hochgelobte San Diego flüchten würden. Letztlich bestand auch eine kleine Unbehaglichkeit darüber, die letzten Tage des Dezembers ohne Schnee und winterliche Temperaturen, sondern im immer gleichen kalifornischen Sommer zu verbringen.

Wir verließen jedenfalls San Francisco Downtown gegen halb zehn Uhr morgens mit unserem Mietwagen und selbstgemachtem Proviant an Bord. Unser erstes Etappenziel war Cambria, südlich von San Francisco an der Küste gelegen. Auf dem Landweg sind das ungefähr vier Stunden Fahrt. Da wir aber den Highway No. 1 an der Küste fahren wollten, mussten wir mit deutlich mehr Fahrtzeit rechnen. Da wir die Gegend um Monterey und Point Lobos schon erkundet hatten, sind wir diesmal daran vorbeigefahren. Ansonsten wäre dies das perfekte Etappenziel für den ersten Tag.

Bald nach der Stadtgrenze trafen wir auf die Küste, die auch hier aus einer faszinierenden Abwechslung von sowohl Strand und Dünen als auch bis ans Wasser reichender sanfter Hügel besteht. Ein Ort mit dem poetischen Namen Half Moon Bay war unser erster Stopp. Auf der Suche nach Frühstück ließen wir den Starbucks im Einkaufszentrum rechts liegen und bogen nach links in die Hauptstraße ab. Dies erwies sich als Glücksgriff, weil keine 200 Meter weiter ein lokaler Coffee-Shop zu finden war. Bei Raman besorgten wir uns Frühstück und einen Chai (-Tee). Raman ist Inder und machte mit seinem gelben Shirt, dem Vollbart und besonders mit seiner in sich ruhenden Art der Bedienung großen Eindruck auf uns. Wir fühlten uns spirituell so erhöht, dass wir auf seine Frage, wie wir unseren Tee möchten, nur mit blumigen Vokabeln wie „ausgeglichen“, „den Geist befreiend“ usw. antworten konnten. Raman wollte allerdings nur wissen, wie viel Zucker, Milch und Gewürze er in den Tee mischen soll. Trotz dieser Profanität immer noch spirituell beschwingt machten wir uns zum nahen Poplar Beach auf, um auf einer Bank über dem Strand unser Frühstück zu genießen.

Weitere schöne Strände und State Parks ließen wir aus, um erst wieder in Santa Cruz zu halten. Der Ort hat eine Uni, ist aber vor allem für seine Surf-Kultur bekannt. Eine Plakette verrät uns, dass diese von einem hawaiischen Prinzen an diesen Ort gebracht wurde. Von den Klippen kann man die Surfer beobachten, wie sie wie Vögel im Wasser sitzen und auf die nächste Welle warten. Der Surf-Spot heißt Steamer Lane, da die Wellen sich über einer alten Fahrrinne für Dampfboote aufbauen. Wir konnten ein paar ganz beeindruckende Wellenritte beobachten, so dass wir im sonnigen Wetter zum ersten Mal ein wenig das (süd-)kalifornische Lebensgefühl einsogen. Es muss allerdings bemerkt werden, dass auch hier die Surfer immer noch Neoprenanzüge tragen; und das änderte sich im Verlauf unserer Reise auch nicht.

Nach einer guten Stunde Fahrt erreichten wir den Küstenabschnitt, der als der schönste im kalifornischen Süden gilt: Big Sur. Allerdings ist es ein Ort, der sich versteckt. Eigentlich ist es gar kein richtiger Ort, da kein Schild sein Beginn und sein Ende kennzeichnet. Lediglich ein paar Menschen leben hier. Abseits von der Straße, hinter hohen Bäumen im Wald wollen sie – so scheint es – nur ihre Ruhe. Auch die durchaus vorhandenen Hotels und Restaurants in diesem Gebiet sind nur dezent ausgeschildert. Alles fing wohl in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts an, als Sträflinge den Highway und einige schluchtenüberspannende Brücken bauten. Henry Miller lebte hier von 1942 bis 1962 und suchte hier Abgeschiedenheit nach seinen Pariser und New Yorker Jahren. Er wurde so etwas wie der Weise vom Berge (vergleiche Herman Hesse in Montagnola), indem er Spirituelle und Künstler aller Art, Anarchisten und Anhänger eines Geschlechtskults anzog, die aber in der rauen Einsamkeit nicht lange geblieben sind. Wir jedenfalls durchfuhren das Gebiet bis zum Pfeiffer Beach, um auf purpurnem Sand mit Blick auf wellenumspülte Felsen ausgiebig zu picknicken.

Im Dunkeln kamen wir dann in Cambria an. So konnten wir die opulente (Weihnachts-)Beleuchtung der putzigen Restaurants und Läden entlang der Hauptstraße in vollen Zügen genießen. Für das Abendessen entschieden wir uns für eine Kombination aus Schnellimbiss und Restaurant. Einmal akklimatisiert schmeckte auch der reichlich fettige Burger, konnte man beim Kauen dem Sportprogramm an mehreren Bildschirmen mit Gelassenheit folgen, nahm man im Nebenher die Kommentare und Alltagsgeschichten an den im hallenartigen Raum verstreuten Tischen war. Zwischen Schlücken vom Light-Bier war man angekommen bei den Leuten, die sich hier allabendlich für Nichts und Alles treffen.

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