Ostwärts

Zu Ostern hatten wir uns das Ziel gesetzt, zu G’s Eltern nach Döbeln mit dem Fahrrad zu fahren. Weimar bestimmten wir als Startpunkt für die dreitägige Reise, so dass uns der Weg immer Ostwärts  durch Teile Thüringens, Sachsen-Anhalts und Sachsens führte.

Wie gesagt starteten wir unsere erste Etappe (71km) im alten Weimar am späten Vormittag des Gründonnerstags. Die ersten Meter schlängelten wir uns durch das Museum Weimar vorbei am Geruch der Rostbratwürste auf dem Markt, dem früheren Wirtshaus Elephant (heute Luxushotel) sowie den unzähligen Wirkungsstätten und Denkmälern der schon lange  im Kanon verewigten alten deutschen Meister: Goethe, Schiller, Herder, Nietzsche, Bach, Liszt, Wagner, Strauss,  Cranach, Gropius, und so weiter. Aus der Stadt heraus fuhren wir in der Ilmaue und schenkten dem Gartenhäuschen Goethes einen zart-leichten Gruß – mit Gedanken an all die tollen Geistes- und Liebesreigen in der engen Hauptstadt des kleinen Fürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach.

Weimar geht praktisch nahtlos in sein idyllisches Umland über: um eine Mühle gewachsene Weiher und sanfte, bunte Hügel, in die sich verschlafene Orte niedergelassen haben. Wir fahren teilweise auf den Wegen, die schon Lyonel Feininger für seine Streifzüge genutzt hat, bei denen einzigartig expressive Ortsansichten entstanden sind. Im ersten Moment ist es schwer nachzuvollziehen, wie dieser bei all der runden Naturharmonie zu solch spitz-kontrastierten Eindrücken kam.

Der Weg nach Jena wirkt ausgesprochen ursprünglich, so dass wir uns sehr gut vorstellen können, was Goethe und Schiller auf ihren Reisen zueinander durch die Fenster der Kutschen gesehen haben könnten. Eine Abfahrt führt uns hinunter in das Zentrum von Jena, dass angeschmiegt an die Saale zwischen drei Hügeln liegt. Die Universität, die schon 1558 gegründet wurde, gab sich ihren Namen nach ihrem ehemaligen Philosophieprofessor  und Dozent für Geschichte Friedrich Schiller. Sie liegt mit ihrem Hauptgebäude mitten in der Stadt und diente uns als Raststätte.  Im Hof, der sich durch die umstehenden Nachkriegszweckbauten bildet, aßen wir im Gewusel der mittäglichen Studentenmassen in der vegetarischen Mensa „Vegetable“.  Halb beeindruckend, halb befremdlich wirkt der Jentower, der in den siebziger Jahren erbaut wurde. Er ragt zwar mitten in der Stadt auf eine abrupte Höhe von 145 Metern hinauf, erscheint aber in seiner zylindrischen Form und der Außenhaut aus Glas recht modern.

Ein paar Kilometer die Saale aufwärts treffen wir auf Lobeda, die Trabantenstadt Jenas, die Mitte der Sechziger Jahre für die Arbeiter des Carl-Zeiss-Kombinats errichtet wurde. Auf einem künstlichen Hügel bietet sich unverstellter, totaler Blick auf das Plattenbau Ensemble. Wir können zwischen den Blöcken hindurch das dahinterliegende Jena nur erahnen, und wenn wir uns umdrehen, haben wir freie Sicht auf die vorbeifließende Autobahn und den Thüringer Wald im Hintergrund. Für was soll man sich an diesem Ort begeistern: Für die Schaffung von günstigem, modernem Wohnraum, den sich Arbeiterfamilien leisten können oder den brutalen Eingriff der massiven Eintönigkeit in eine Idylle aus mittelalterlicher Stadtanlage und Natur? Wir fliehen vor der endgültigen Entscheidung, indem wir nun dem Lauf der Roda aufwärts folgen.

Unser nächstes Ziel ist Stadtroda mit seiner Klosterruine. Das Kloster wurde in der Mitte des 13. Jh. gestiftet und von Zisterziensserinnen unterhalten. Dieser Orden gründete sich auf einem Reformwillen, der auf die ursprünglichen Regeln des Benedikts von Nursia zurückgeht. Die Neugründungen von Zisterzienserklöstern transportierten den gotischen Baustil nach Deutschland, so dass wir heute vor einem typisch romantischen Bild des Mittelalters stehen: Klostermauern aus rotem Stein, die aus dem grünen Rasen erwachsen oder wieder darin zurückkehren, sowie oben spitz zulaufende Fenster und Bögen, die einen strukturierten Raum von einstmal andeuten, der sich heute unbegrenzt, unendlich in den Himmel weitet.

Im Zeitzgrund machen wir Rast und lauschen dem Rauschen des Zeitzbachs. Hier sind wir allein, nur die zahlreichen alten Mühlen begleiten unseren Weg. Der Bach schlängelt sich durch ein Wald, der über die Jahrhunderte die wirtschaftliche Grundlage dieser Gegend war. Im deshalb so genannten Holzland taten früher Köhler ihr Werk, und rauchten Pechöfen zur Herstellung von Holzteer. Heute stehen die Wohnblöcke in Hermsdorf am Autobahnkreuz größtenteils leer. Nur spärlich erkennen wir im Vorbeifahren Anzeichen für übriggebliebene Bewohner, wie etwa Gardinen an den Fenstern – wenn diese nicht sogar schon zerbrochen sind. Im nächsten Ort Bad Klosterlausnitz prangt dann schon wieder die Klosterkirche über dem Ort. Und am Ortsende wird sogar noch das alte Handwerk des Holzleiterbaus betrieben. In der leichten Abfahrt ins Mühltal kreisen unsere Gedanken um diese vielfältigen Eindrücke, so dass wir erst mit einem bißchen Mühe begreifen, dass wir an unserem Ziel der Jugendherberge von Eisenstadt schon vorbei gerollt sind…

Ein Hoch auf die Deutsche Jugendherberge! Wir sind nun Mitglied, und zwar zu zweit als Familie. Die Herbergsmutter hat uns hemdsärmlich erklärt, dass das Bedingung für die Übernachtung ist. Leicht skeptisch überlassen wir uns der einzigartigen Behaglichkeit der Jugendherberge: Eine Mühle am Bach mit Wald umgeben, deren zwei gegenüberliegende Gebäude einen Hof bilden, steile Stiegen hinauf in unsere Klause unter dem Dach, worauf uns der Regen später in der Nacht seine Geschichte trommelt, die wir in den schmalen Betten zu einem Traum weiterspinnen,  Nachtmahl und Frühstück auf kleinen Holztischen im Speiseraum begleitet von Herbergstee.

Am Morgen sind wir ausgeruht und es beginnt die zweite Etappe bis nach Bad Lausick (89km). Es regnet Bindfäden; im Wald des Mühltals ist es nur Nieselregen. Wir kommen auf der ehemaligen Eisenbahntrasse zwischen Rauda und Hartmannsdorf sehr gut voran. Bald überqueren wir auch schon die Weiße Elster bei Crossen. Der Regen hört auf, die Kälte im Körper weicht ein wenig, wenn wir die sanften Hügel am Rand des Elstertals erklimmen.

Zeitz scheint ein recht sehenswerter Ort zu sein. Wir registrieren den Burgberg mit Schloss und ehemaligem Dom – Zeitz war nur kurzfristig ein frühes Bistum, das die Christianisierung der Slawen unter den Ottonen fördern sollte – die Altstadt, sowie die alte Brikettfabrik Herrmannschacht. Lange wollen wir uns allerdings nicht aufhalten, da immer mehr Wolken drohend über uns hinweg ziehen. Und so durchqueren wir Sachsen-Anhalt recht schnell, treffen immer wieder auf die ruhig fließende Elster, in welche Bäume ihre Äste hängen, rattern über das Kopfsteinpflaster schlafender Orte.

Kurz vor der Mittagsrast erwischt uns dann der Regen. Völlig ungeschützt fahren wir gegen Wind, der uns das Wasser ins Gesicht peitscht. Es ist Karfreitag; die Aussicht auf eine warme Mahlzeit im Städtchen Groitzsch treibt uns noch an. Dort angekommen scheint schon wieder die Sonne und es gibt Rehbraten. Wir sind schon seit geraumer Zeit im Mitteldeutschen Braunekohlerevier unterwegs, aber Bekanntschaft mit der damit verbundenen Wirklichkeit machen wir erst nahe dem Örtchen Pödelwitz. Nach längerer Suche dämmert uns, dass es die Straße, auf der es weitergehen soll, so nicht mehr gibt. Dies wird uns dann auch bald bestätigt: „Die haben sie weggebaggert“. Der Braunkohletagebau ist also etwas Lebendiges, das bestehende Straßen auffrisst und dafür einige hundert Meter versetzt neue zur Welt bringt (begleitet von einem 1a Fahrradweg!). Zahlreiche Ausblicke gibt es auf die Gruben und Halden, die durch das Aufschürfen der Erdhaut entstehen. Riesige Stahlkonstruktionen – gleich behebiger Drachen – kratzen mit ihren Schaufeln den Boden auf und spucken den Abraum hinten fontänenartig wieder raus. Ein Förderband durchzieht surrend die Landschaft. Am Horizont dampft das Kraftwerk, aber es drehen sich auch die Windräder und künden von neuen Zeiten.

Auf den letzten Kilometern sind wir noch einmal zu einer Regenpause gezwungen. Vor einem geschlossenen Supermarkt beobachten wir das Kommen und Gehen der Bewohner: Mal mit dem Auto, die ganze Familie oder allein, mal mit hochgezogenen Schultern geradlinig durch den Regen stapfend. Wir können auch beobachten, wie der Regen aus dem Rinnstein im Eimer gesammelt wird und den Pflanzen im Vorgarten zugeführt wird. Später beziehen wir unser Zimmer im Hotel am Bahnhof in Bad Lausick. Von Kurbetrieb ist hier nicht mehr viel zu sehen. Der karmesinrote Stoffbesatz der Möbel hat gelitten. Montagearbeiter und Vertreter scheinen sich hier heute hauptsächlich zur Ruhe zu legen. Abends wärmt uns noch das Wasser des ansässigen Freizeitbads die klammen Knochen.

Bad Lausick verlassen wir am Morgen in dichtem Nebel für die letzte Etappe nach Döbeln (55km). Vereinzelt setzt sich die Sonne über den Orten des Mittelsächsischen Hügellandes durch. Kurz vor dem Zusammenfluß der beiden Mulden – Freiberger und Zwickauer – begrüßt uns ein Storch von seinem Nest. An der Mulde entlang passieren wir die Burg Leisnig, die mächtig auf einem Bergsporn thront. Zuletzt empfängt uns das Kloster Buch mit einer Gulaschkanone, an der wir nicht ohne einen Happen Erbsensuppe zu nehmen, vorbeikommen. Die letzten Kilometer gehen dann wie von selbst…..

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