Gelesen – gesehen – gehört #3

Literatur zu Luthers Zeit

Mit dem 31. Oktober endeten so langsam die Feierlichkeiten und öffentlichen Erinnerungsbekundungen anlässlich der 500. Jährung der Thesenpublikation Luthers. Viel ist in diesem Lutherjahr anhand von alten und auch neu erschienenen Büchern über seine Person und die Auswirkungen der Reformation debattiert worden.

Luther und die Reformation werden nunmehr schon seit mehr als 100 Jahren als ein wichtiges Stück nationaler Geschichtserinnerung hervorgehoben. Sicherlich betonen die diesjährigen Feierlichkeiten den nationalen Charakter nicht so sehr, die Größe des Ereignis ist aber geblieben. Was ist aber mit der Rückbesinnung auf die Zeit, in der Luther gewirkt hat und in der sich reformatorische Ideen verfestigt haben? Erinnerungswürdig sind die Zeitumstände allemal, in der die Gesellschaft im Umbruch war: weg von dem uns heute weniger verständlichen, dunkel scheinenden Mittelalter hin zur sogenannten Neuzeit, in der uns durch viele Beispiele der Geschichtsschreibung der uns bekannte moderne Mensch entgegen tritt.

Luthers Biographie bettet sich ein in die Zeit der geographischen Entdeckungen, die mit der gleichzeitig aufkommenden Geldwirtschaft ein globales Handelsystem auf den Weg bringen. Auch im Bereich der Wissenschaft zeigen sich Veränderungen, die noch heute die Grundbedingungen unserer rationalen Weltanschauung bestimmen. Die Humanisten brechen die in Dogmen verhafteten theologischen Diskussionen der Scholastik auf und entwickeln durch den literarischen Bezug zu Klassikern – erst lateinischer dann auch griechischer und hebräischer Art – die Literatur- und Sprachwissenschaft. Alchemisten und Bader lösen sich immer mehr vom abergläubischen Denken und bringen die ersten Chemiker und Ärzte hervor, die ihr Denken auf experimenteller Beobachtung und freigeistigen Untersuchungen gründen. Auch die Astronomen gehen so vor, um neue Weltbilder zu enwerfen, und sind in ihrem Streben gleichfalls der bittersten Verfolgungen durch die Obrigkeit ausgesetzt. Die Wirkungen – ob positiv oder negativ – von neuen Ideen und Erkenntnissen werden durch die Medienrevolution im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern massiv verstärkt. Eine – wenn auch noch auf gebildete Kreise begrenzte – Öffentlichkeit entsteht, die zeitnah die neuesten Entwicklungen miteinander austauscht.

Wen diese Zeit interessiert, dem seien die zwei folgenden Bücher empfohlen, die Fiktion geschickt mit historischen Fakten verbinden:

Marguerite Yourcenar: Die schwarze Flamme, erzählt das Schicksal eines freidenkenden Atheisten, der zwischen Philosophie, Medizin und Alchemie seine Stellung in der damaligen Welt sucht; der Roman verwebt mit der beschriebenen Entwicklung des Protagonisten eine Vielzahl von historischen Fakten, die die Autorin in einem Nachwort samt Quellen offen legt.

Luther Blissett: Q, handelt von den Katastrophen des Bauernkriegs und des Täuferreichs in Münster und zeigt anhand von Spionagetätigkeiten, wie klein Europa zu diesem Zeitpunkt schon war; interessantes Detail am Rande: hinter der Autorschaft Luther Blissett verbirgt sich ein Autorenkollektiv, was einen unwillkürlich an die Verschwörungstheorien in Umberto Ecos Foucaultschen Pendel erinnern lässt.

Wer sich für Biographien wichtiger Protagonisten der Zeit interessiert, dem seien drei Bücher aus den 20er Jahren ans Herz gelegt, die zwar dem Geist dieser Zeit verhaftet sein mögen aber detailreich und immer noch gut lesbar sind.

Lucien Febvre: Martin Luther, 1928, das sich auf recht kontroverse Art mit den Beweggründen und der dahinterliegenden Psyche Luthers beschäftigt.

Ernst Bloch: Thomas Müntzer als Theologie der Revolution, 1921, stellt die radikal-revolutionäre Person des Bauernführers Thomas Müntzers vor in einer politisch und philosophisch linksgerichteten Schreibtradition.

Johann Huizinga: Erasmus und Luther – Europäischer Humanismus und Reformation, 1928, beschreibt das Leben der schillernden, damals höchstbedeutenden Figur des Erasmus von Rotterdam, den man heute nur noch als den Humanisten schlechthin kennt dessen Werke aber so gut wir keiner (mehr) liest.

Auch „unsere“ Klassiker haben einige Werke verfasst, die in dieser Zeit spielen:

Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen, über den gesellschaftlichen Niedergang des Rittertums.

Johann Wolfgang Goethe, Faust der sich an der Person des Alchemisten und wandernden Heilers Doktor Faustus orientiert.

Johann Wolfgang Goethe: Egmont, über den Freiheitskampf der Niederlande.

Johann Wolfgang Goethe: Torquato Tasso, über den bekannten Dichter der Gegenreformationszeit.

Friedrich Schiller: Don Karlos, über Konflikte im damals machtvollen spanischen Herrscherhaus.

 

Monatsrückblick – September 2017

Der September begann mit einem Geburtstag, bestand im Rest vor allem aus Urlaub und endete mit einer Hochzeit. Das macht ihn zu einem der besten Monate in diesem Jahr. Gutes Wetter, unglaubliches Essen, viel Zeit mit netten Menschen. Was will man mehr?

|Gesehen| David Cronenberg: Scanners – Steven Soderbergh: Sex, Lies, and Videotape – Francis Ford Coppola: The Rain People – Werner Herzog: Wovon träumt das Internet?
|Gelesen| Werner Goez: Von Pavia nach Rom – Jens-Arne Dickmann: Pompeji – Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli – Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gemüse – Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
|Gehört| Robert Greenberg: How to Listen to and Understand Great Music
|Getan| Geburtstag gefeiert, einmal den Süditalien und zurück, große Hochzeitskochaktion plus Hochzeit bei bestem Herbstwetter
|Gegessen| Focaccia Genovese – Pasta all’amatriciana – Riso baldo con piselli, ceci e pancetta – Nocellara del Belice – Pomodori secchi (von Fauzzi, Noci, BA) – Terre dei Monaci, Olivenöl, Cilento – Caciocavallo Silano – Mozzarella di Bufala Campana – Ricotta di Bufala – Prosciutto Amatriciano – Salamini italiani alla cacciatora – Culatello di Zibello – Prosciutto di Carpegna – Tortelli di Zucca – Pasta con Fagioli – Orecchiette con Cime di Rapa – Cicorie con patate – Burata con verdure miste – Tortellini in crema di Parmigiano – Pesce Spada – Susina di Dro – Fichi d’India
|Getrunken| Vino Nobile de Montapulciano – Taurasi – Castel del Monte Rosso – Montefalco Rosso – Chinotto von Lurisia – Colli Piacentini Trebbianino Val Trebbia, Vino Frizzante
|Gedacht| Italien ist tatsächlich so schöh, wie alle immer sagen.
|Gefreut| Endlich Sonne. Meer. Strand. Feigen und Zitronen.
|Geärgert| Darüber, die Sprache nicht besser zu können. Und über die Tatsache, dass sich viele Hotels und Campingplätze so einer wenig gästefreundlichen (und datenschutzfreundlichen) Lösung für ihr WLAN bedienen.
|Gekauft| Jede Menge Vorräte aus dem Urlaub mitgebracht.
|Geklickt| Immer mal wieder auf google-maps, um die In-Ort-Navigation des Fahrers ein bisschen effizienter zu gestalten.

Zeitereignisse – September 2017

Was ist Geschichte? Wie entsteht sie? Geschichte bezieht sich auf Vergangenes ist aber auch immer gegenwärtig, denn vergangene Zeitereignisse werden im Jetzt zur Geschichte erklärt. Und umgekehrt: Teile der Geschichte können in Vergessenheit geraten. Geschichte ist auch abhängig von der Perspektive und daher keinesfalls eine objektive Tatsache. Was zur Geschichte erklärt wird, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Geschichte wird meistens von Geschichtsschreibern, Historikern oder Personen, die mit Macht ausgestattet sind, definiert. Was würde passieren, wenn ich selbst Geschichtsschreibung betreibe? Was ist das Ergebnis, wenn man beginnt, seine eigenen Zeitereignisse zu sammeln? Wird die daraus entstehende Geschichte sich mit der offiziellen Geschichtsschreibung decken? Werden Zeitereignisse, die man im Jetzt aufzeichnet, in der eigenen geschichtlichen Rückschau unwichtig sein? Dies sind die Zeitereignisse für diesen Monat:

Der Europäische Gerichtshof lehnt die Klage der Slowakei und Ungarn gegen die Flüchtlingsquote ab. Die beiden Länder sind damit verpflichtet Flüchtlinge nach einem Verteilungsschlüssel, der mehrheitlich von den Mitgliedstaaten beschlossen wurde, aufzunehmen.

In Folge einer Sicherheitslücke der Firma Equifax erbeuten Hacker die Sozialversicherungs- und Führerscheinnummer von über 100 Millionen US-Bürgern.

Bei der Wahl zum deutschen Bundestags erhalten die Regierungsparteien CDU und SPD 32,9 beziehungsweise 20,5 Prozent der Stimmen. Dies ist der niedrigste Stimmenanteil der SPD in der Nachkriegsgeschichte und für die CDU das schlechteste Wahlergebnis seit 1949. Die AfD zieht mit 12,6 Prozent als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein.

Frauen in Saudi-Arabien ist es ab sofort erlaubt, Auto zu fahren.

Monatsrückblick – August 2017

|Gesehen| Alain Tanner: Dans la ville blanche – Alain Tanner: Jonas, qui aura 25 ans en l’an 2000 – Alain Tanner: Messidor – David Cronenberg: Shivers – Richard Donner: The Omen – Dario Argento: Tenebre – Godfrey Reggio, Ron Fricke: Koyaanisqatsi – Ron Fricke: Chronos – David Lynch: Dune – Nicolas Roeg: Wenn die Gondeln Trauer tragen – Roman Polanski: Ekel – Jonathan Glazer: Under the Skin – Roger Michell: Notting Hill – John Madden: Shakespeare in Love – Joe Wright: Pride and Prejudice – Roy Andersson: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach – Richard Linklater: Slacker – Eat that question – Pink Floyd, The Early Years 1967-1972 – The Good Wife, Staffel 6, Folgen 1-5
|Gelesen| Lucien Febvre: Martin Luther – Eckhard Bernstein: Ulrich von Hutten – Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Band 3, Reformationszeit 1495-1555
|Gehört| Arvo Pärt: Spiegel im Spiegel – Arvo Pärt: Für Alina – Arvo Pärt: Mozart-Adagio. Für Violine, Violoncello und Klavier (nach KV 189e) – Frank Zappa: Apostrophe (‚)
|Getan| Marschmallows gegrillt, Freunde besucht, Balkonblümchen gesittet
|Gegessen| Oliven (Gordal, Amfissa, Chalkidiki), ein zweites Mal bei Emma Wolf in Mannheim
|Getrunken| Cranberry-Limo – Umeshu
|Gedacht| Viel zu viel Arbeit ist auch blöd, dann fällt die Urlaubsvorbereitung (Hotels, Restaurants, Slow Food) auch hinten runter.
|Gefreut| auf den Urlaub
|Geärgert| über einen grippalen Infekt im Sommer
|Gekauft| Geburtstagsgeschenke
|Geklickt| Mietwagenangebote
|Hätt‘ ich Zeit und Geld, würd‘ ich… | mit einer Drohne ganz Deutschland von oben filmen.

Zeitereignisse – August 2017

Was ist Geschichte? Wie entsteht sie? Geschichte bezieht sich auf Vergangenes ist aber auch immer gegenwärtig, denn vergangene Zeitereignisse werden im Jetzt zur Geschichte erklärt. Und umgekehrt: Teile der Geschichte können in Vergessenheit geraten. Geschichte ist auch abhängig von der Perspektive und daher keinesfalls eine objektive Tatsache. Was zur Geschichte erklärt wird, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Geschichte wird meistens von Geschichtsschreibern, Historikern oder Personen, die mit Macht ausgestattet sind, definiert. Was würde passieren, wenn ich selbst Geschichtsschreibung betreibe? Was ist das Ergebnis, wenn man beginnt, seine eigenen Zeitereignisse zu sammeln? Wird die daraus entstehende Geschichte sich mit der offiziellen Geschichtsschreibung decken? Werden Zeitereignisse, die man im Jetzt aufzeichnet, in der eigenen geschichtlichen Rückschau unwichtig sein? Dies sind die Zeitereignisse für diesen Monat:

Auf dem sogenannten Diesel-Gipfel diskutieren die Bundesregierung und Vertreter der deutschen Automobilindustrie Maßnahmen zur Verringerung des Schadstoffausstoßes von Dieselfahrzeugen und der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben. Vereinbart werden Software-Updates für bereits genutzte Dieselfahrzeuge und Prämien beim Austausch eines alten Dieselfahrzeugs mit Abgasnorm Euro 4 oder älter durch einen Neukauf eines Dieselfahrzeugs mit Euro 6 oder eines Elektroautos. Eine Verpflichtung zur Nachrüstung von Abgasreinigungssystemen wurde nicht beschlossen. Hintergrund ist der Abgasskandal, bei dem die Manipulation von Abgaswerten durch Teile der Automobilindustrie zur Erfüllung von Abgasnormen aufgedeckt wurde. Wenige Tage vor dem Diesel-Gipfel berichtet der SPIEGEL von illegalen Absprachen deutscher Autobauer in den 90er Jahren.

Die USA beschließt, das Klimaschutzübereinkommen von Paris zum 04.11.2020 zu verlassen.

Nachdem der Oberste Gerichtshof Venezuelas im März diesen Jahres die Nationalversammlung aufgelöst hat, hat sich nun die konstitutierende Sitzung einer verfassungsgebenden Versammlung ereignet. Die Mitglieder der Versammlung wurden von der Bevölkerung aus einer Liste von Anhängern der Politik Maduros gewählt. Zuletzt wurde unter Hugo Chavez 1999 die Verfassung geändert.

Das Bundeskriminalamt unterhält eine Datenbank mit Informationen zu politischen Delikten, die zum Entzug der Akkreditierung von Journalisten im Rahmen des G20-Gipfel geführt haben. In einigen Fällen basieren die Informationen auf Strafverfahren, die bereits durch einen Freispruch oder eine Einstellung des Verfahrens juristisch beendet wurden. Gesetzlich ist die Speicherung von Ermittlungen, die nicht zu einer Verurtelung geführt haben, erlaubt, wenn von einer Personen in Zukunft Straftaten zu erwarten sind.

Monatsrückblick – Juli 2017

|Gesehen| Xavier Dolan: J’ai tué ma mère – Neeraj Ghaywan: Masaan – House of Cards (Staffel 5) – Leos Carax: Merde – Leos Carax: Boy Meets Girl – Ruben Östlund: Höhere Gewalt – Panos H. Koutras: Xenia – Theo Angelopoulos: Die Ewigkeit und ein Tag – Theo Angelopoulos: Der schwebende Schritt des Storches
|Gelesen| Friedrich Schiller: Wilhelm Tell
|Gehört| Dr. Dre: The Chronic – Cybotron: Cybotron – The Cure: Greatest Hits – Cybotron: Implosion – Cybotron: Enter
|Getan| den CSD-Zug angefeuert – Berge erklommen – viel Arbeit – an den Rand der Stadt gefahren
|Gegessen| Spargel-Risotto – Churros – peruanisches Essen: Piqueos (Ceviche, Causa, Tiradito, Papa la Huancaina, Chicharrones, Quinua), Anticuchos con papas, Ají de Gallina entera con papas moradas, Seco de Lomo de Cordero con Arroz y Frejoles, Chicharrón con cara pulcra, Helado de Lucuma con crema de chocolate – Pancakes – Brombeerkuchen – Grissini – Mostbröckli – 1. August-Weggen
|Getrunken| Soave, Icaro, Aliseo – Chardonnay II, von Winning – Riesling, Wehlener Sonnenuhr 2012, Dr. Loosen – Insel Herb, British-Style Extra Special Bitter, Flaschengärung, Rügener Insel-Brauerei – Chicha morada – Amarone della Valpolicella
|Gedacht| Juli vorbei und Badesaison noch nicht eröffnet
|Gefreut| über perfektes Wanderwetter
|Geärgert| über Schwindel in der Höhe
|Gekauft| Schweizer Produkte im Migros
|Geklickt| Seite der Schweizer Bundesbahn
|Hätt‘ ich Zeit und Geld, würd‘ ich…| alle Bände der Staatsbibliothek zu Berlin durchlesen.

Zeitereignisse – Juli 2017

Was ist Geschichte? Wie entsteht sie? Geschichte bezieht sich auf Vergangenes ist aber auch immer gegenwärtig, denn vergangene Zeitereignisse werden im Jetzt zur Geschichte erklärt. Und umgekehrt: Teile der Geschichte können in Vergessenheit geraten. Geschichte ist auch abhängig von der Perspektive und daher keinesfalls eine objektive Tatsache. Was zur Geschichte erklärt wird, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Geschichte wird meistens von Geschichtsschreibern, Historikern oder Personen, die mit Macht ausgestattet sind, definiert. Was würde passieren, wenn ich selbst Geschichtsschreibung betreibe? Was ist das Ergebnis, wenn man beginnt, seine eigenen Zeitereignisse zu sammeln? Wird die daraus entstehende Geschichte sich mit der offiziellen Geschichtsschreibung decken? Werden Zeitereignisse, die man im Jetzt aufzeichnet, in der eigenen geschichtlichen Rückschau unwichtig sein? Dies sind die Zeitereignisse für diesen Monat:

Die Europäische Kommission eröffnet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen. Ende des Monats hat das polnische Parlament ein Gesetz verabschiedet, welches ein geschlechtsspezifisches Rentenalter für RichterInnen vorsieht sowie den Grundsatz der Unabsetzbarkeit von RichterInnen durch die Möglichkeit eines intransparenten Einflusses des Justizministeriums auf die Amtszeitverlängerung untergräbt. Im Verlauf des Verfahrens kann der Europäische Rat mit qualifizierter Mehrheit beschließen, aus der Anwendung der Europäischen Verträge hergeleitete Rechte Polens auszusetzen. Gegen zwei weitere Gesetze, die den Einfluss der Regierung auf das Oberste Gericht und den Landesrichterrat regeln, hatte Präsident Duda sein Veto eingelegt.

Das Verwaltungsgericht Stuttgart stellt fest, dass das Regierungspräsidium Stuttgart seiner Verpflichtung, die Immissionsgrenzwerte von Stickstoffoxiden einzuhalten, nicht in vollem Umfang nachgekommen ist. Laut dem Gericht ist ein ganzjährig geltendes Fahrverbot für Ottomotoren unterhalb der Schadstoffklasse Euro 3 und für Dieselmotoren unterhalb der Schadstoffklasse Euro 6/VI ab dem 01.01.2108 erfoderlich. Andere Maßnahmen wie etwa das Nachrüsten von Kraftfahrzeugen sind laut dem Gericht im Wirkungsgrad nicht gleichwertig. Eine Berufung gegen das Urteil ist möglich.

Die Organisation zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sendet Beobachter zur Bundestagswahl im September. Ein Gutachter-Team hat im Juli Gespräche mit Vertretern von Parteien, Ministerien und Medien geführt. Untersucht wurden die Bedingungen hinsichtlich des Wahlsystems und der -administration, der Wähler- und Kandidatenegistrierung sowie der Wahlkampagnen, insbesondere deren Finanzierung und das Medienumfeld, im Vorfeld der Wahl. Einige Gesprächspartner, unter anderem Vertreter der AfD, gaben Bedenken hinsichtlich der Chancengleichheit im Wahlkampf und der Medienberichterstattung an. Wahlbeobachter der OSZE waren auch schon an den Bundestagswahlen 2009 und 2013 vertreten.

 

Momente in Gedanken #6

Das Rendez-vous der Freunde auf der Rigi

Die Rigi ist ein Bergstock, der sich über der Nordseite des Vierwaldstättersees emporragt. Sie bildet zwei Gipfel aus: Die Rigi Hochflue oberhalb von Gersau und den Rigi Kulm oberhalb von Küssnacht. Eine Besteigung des Rigi Kulms beginnt am Hauptplatz in Küssnacht, führt über den Alpenhof und die Seebodenalp hinauf zur Rigi Staffel, wo man über einen Gratweg zum Gipfel gelangt.

An einem Sommertag kann der Wanderer ganz schön ins Schwitzen kommen. Bei hoher Luftfeuchte bringt der Aufstieg einen konstanten Schweißfluss am ganzen Körper mit sich. Trocknen kann der Wanderer auf den Abschnitten in der Sonne, leichte Kühle findet er auf den Wurzelpfaden des Waldes. Für Brillenträger kann sich die Aussicht trüben, wenn der Schweiß von der Stirn auf die Gläser tropft. Die Luftfeuchte erschwert das Atmen, bringt zu wenig Luft in die Lungenflügel, um richtig voranzukommen. Weiter oben kann die Erschöpfung von Schwindelgefühlen abgelöst werden, wenn der Blick über zwei letzte Baumwipfel direkt runter zum See fällt. Dann erhöht sich die Geschwindigkeit des Wanderers drastisch bis er oben ankommt. Dort begegnet er den anderen Bergtouristen, die mit der Zahnradbahn heraufgekommen sind.

Ich stelle mir vor, wie Queen Victoria mit ihren Balmoral sociable den Berg hinauf gebracht wird und an den Gerüchten über die Beziehung zu ihrem Diener schwer trägt. Ich stelle mir vor, wie nur ein wenig dahinter Mark Twain fluchend den Pfad hinaufstapft, weil er wieder einmal zu spät erwacht ist, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben. Und mit Goethe und Dostojewski diskutiert er über das Jodeln der Einheimischen. William Turner hängt ein wenig hinterher. Er trägt seine Malutensilien den Berg hinauf, um das Gegenstück zu seiner Rigi-Ansicht zu malen: Den Blick hinunter auf den See. Auguste Escoffier sehe ich auch im Dunst herauf kommen. Der bereitet mal wieder seine Birne Helene im Hotel auf dem Rigi-Kulm zu zusammen mit Ho Chi Minh, der heute mal als sein Küchengehilfe nicht in London tätig ist.

Monatsrückblick – Juni 2017

Am Anfang und in der Mitte schön warm, v.a. die Tage in Italien, am Ende wurde es regnerisch und es geht mit vergleichsweise kühlen 20 Grad in den Juli. Der Juni war voller Höhepunkte: Potsdam, Waldbühne Berlin, Museum Brandhorst München, Biennale in Venedig und dann – ganz am Ende – eine Hochzeit.

|Gesehen| Wim Wenders: Every Thing Will Be Fine – Hirokazu Kore-eda: Vater und Sohn – Kiyoshi Kurosawa: Real – Luchino Visconti: Der Tod in Venedig – Luchino Visconti: Ludwig II. Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder – Dietrich Brüggemann: Kreuzweg – Kornél Mundruczó: Weißer Gott – Blaumacher (zdf, 6-Teiler)
|Gelesen| Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis – Peter Blickle: Der Bauernkrieg – Klaus Pfitzer: Reformation, Humanismus, Renaissance
|Gehört| Dmitri Shostakovich: Symphonie No. 5 – Ludovico Einaudi live in Concert in der Waldbühne Berlin – Museo Rosenbach: Barbarica – Body Count: Body Count – Emerson, Lake and Palmer: Tarkus
|Getan| Ausflüge ins Potsdamer Umland – das erste Mal in der Waldbühne gewesen – das Museum Brandhorst in München besucht – Urlaub in Venedig gemacht und die Biennale besucht – mit dem Nachtzug gefahren – auf dem Balkon gefrühstückt – Rharbarbermarmelade gekocht – einen schönen Sonntagnachmittag auf der Domäne Dahlem verbracht – klatschnass geworden im Regen in Berlin – Hochzeitsgäste gewesen
|Gegessen| Bigoli in salsa – Sarde in Saor – Olive taggiasche – Castelmagno (Käse) – Lunchmenü im Il Ridotto in Venedig – Artischockenböden, Zucchini-Blüten – Pasta mit ragù di chianina – Parmigiana
|Getrunken| Mate-Eistee von Voelkel – Chinotto – Bardolino – Fentiman’s Ginger Beer – Nexxus, Weizen Doppelbock, Braumanufaktur in Weinheim – Red George, Red ale, Braumanufaktur Weinheim – Valdobbiadene Prosecco Superior
|Gedacht| Hach, eine lange Sommerpause wäre auch schön. Direkt in Italien bleiben und erst im September zurückkommen.
|Gefreut| über ein Vogelkonzert um 5 Uhr morgens
|Geärgert| über die oberen Schlafwagenplätze
|Gekauft| Sneakers – Birkenstocks – Panama-Hut
|Geklickt| Venedig – Stadtpläne, Restaurants, Biennale
|Hätt‘ ich Zeit und Geld, würd‘ ich…| würde ich im Schlafwagen durch Europa fahren.

Momente in Gedanken #5

Im Juli 2017 kam es im Rahmen des in Hamburg stattfindenden G-20-Gipfels zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Was würde Charles Baudelaire dazu sagen?

Ihr alle, die die Neugier des Flaneurs des öfteren mitten in eine Meute hineintrieb, empfandet ihr jemals das gleiche Frohlocken wie ich, wenn ihr sahet, wie ein Hüter des öffentlichen Schlafes – Stadtwachtmeister oder Angehöriger der Munizipalgarde, der eigentlichen Armee – auf einen Republikaner einschlug? Und wie ich, so sprachet ihr in eurem Herzen: Schlag drauf, schlag noch ein wenig härter drauf, schlag immer drauf, mein Herzenspolizist; denn ich liebe dich in diesem allerhöchsten Draufschlagen und halte dich für ein Ebenbild Jupiters, des großen Richters und Rächers. Der Mann, den du verprügelst, ist ein Feind der Rosen und der Wohlgerüche, ein Fanatiker nützlicher Instrumente; er ist ein Feind Watteaus, ein Feind Raffaels, ein erbitterter Feind des Luxus, der schönen Künste und der schönen Literatur, eingeschworener Ikonoklast, Henker der Venus und des Apollo! Er will nicht länger als ein bescheidener und namensloser Arbeiter für die öffentlichen Rosen und die öffentlichen Wohlgerüche arbeiten; er will frei sein, der Nichtwisser, und ist unfähig, eine Werkstatt zu gründen für neue Blumen und neue Wohlgerüche. Schlag nur andächtig drauf auf die Schulterblätter des Anarchisten.

aus „Salon von 1846“

Man muss dabei bedenken, dass Baudelaire ein opportunistisches, ironisches Verhältnis zum Bürgertum hatte und ein zynisches zu seinem Leser.