Wochenrückblick (#15)

|Gesehen| Akira Kurosawa: Kagemusha; David Cronenberg: Naked Lunch
|Gelesen| Jack Kerouac: On the Road; Tom Wolfe: The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby
|Gehört| Mozart: Requiem; Liszt: Années de Pèlerinage
|Getan| morgens im Bankenviertel rumspaziert, in einem Pop-Up-Restaurant gewesen, die Weihnachtsbeleuchtung im Viertel angeschaut, Plätzchen und Stollen gebacken
|Gegessen| Bratwurst mit Bratkartoffeln und Rosenkohl, Pizza, Spaghetti alla Carbonara (gab es gleich zweimal, deswegen das Artikelbild oben), Käsetoast, Eierkuchen
|Getrunken| San Pellegrino Pompelmo, Smoothie bei Native Juice & Co. im Financial District (Popeye on Vacation in Thailand, sehr gut!)
|Gedacht| total abgefahren: zwei Tage vor Weihnachten die Zitrone für die Plätzchen barfuß aus dem Garten holen
|Gefreut| über jede Menge tolle Sonnenuntergänge diese Woche
|Gelacht| über Gs Papa, der am Telefon sagte:  „Ich habe meinen Adventskalender erst am 16. bekommen. Dafür habe ich dann gleich die ersten acht Türchen auf einmal gegessen.“
|Geärgert| über nur halb funktionierendes Internet, es fällt immer stundenlang aus
|Gekauft| geliehen: Yogamatte und ein Foam-Roller für die Weihnachtspause
|Gewünscht| mehr Schnee in den Bergen
|Geklickt|  Wetter und Schneehöhen in Squaw Valley

Radwandern in San Francisco

Wie ich aus der Ferne mitbekommen habe, kippt gerade in Mannheim der Plan, die große Verkehrsader direkt an der Uni mit einem ordentlichen Radweg auszustatten. Ich rufe deshalb leise aus der Ferne: Nehmt euch ein Beispiel an San Francisco!

Wir radwandern ja schon seit einiger Zeit durch die Stadt. Und obwohl wir im täglichen Verkehr zahlenmäßig eine Randgruppe darstellen, fühlen wir uns eigentlich ganz wohl. Hier ein paar Beispiele wie Fahrradfahrer in San Francisco umsorgt werden: Zu aller erst, ja, es gibt verschiedene nummerierte Fahrradwege, die durch die Stadt führen. Das hätten wir vorher auch nicht gedacht. Und die Fahrradwege sind zum größten Teil sehr gut ausgeschildert. Weiterhin werden teilweise abgetrennt von den Autospuren eigene Fahrradspuren angeboten. Sie sind im satten grün auf dem Asphalt markiert (natürlich grün, die Farbe für Umweltbewusstsein und freie Fahrt ;-)).

Die Autofahrer scheinen nicht wie in Deutschland der natürliche Feind des Fahrradfahrers zu sein (und im Übrigen die Radler wiederum auch nicht diejenigen der Fußgänger). Vielmehr läuft alles recht gemütlich ab. Durch die Rasterstruktur der Straßen kommt man alle hundert Meter an eine Kreuzung, die mit einem Stoppschild versehen verlangt, einen Moment innezuhalten. Als erster darf sich derjenige wieder bewegen, der auch als erster zur Kreuzung kam. Wir Fahrradfahrer indessen können die Kreuzungen gemütlich überrollen, bekommt man doch von jedem Autofahrer mit einer Hand- oder Kopfbewegung signalisiert, dass man gerne den Vortritt lässt. Und nicht häufig ist diese kleine non-verbale Kommunikation mit einem Lächeln verbunden. Wir sind uns allerdings noch nicht klar darüber, was hinter diesem netten Verhalten steckt: ein Eingeständnis, dass man sich doch auch mal etwas umweltbewusster die eine Meile durch die Stadt bewegen könnte; oder aber eine Form der stillen Verachtung: „Fahrt nur ihr armen Irren. Ihr könnt euch wohl kein Auto leisten“.

Wie schon erzählt, hat die Stadt zahlreiche Hügel, wobei jeder für sich teilweise heftige Anstiege hat. Unbedarftes Vorgehen kann schnell damit enden, dass man einen der Hügel mit letzter Kraft hochkeucht, im Vertrauen dann endgültig oben zu sein. Nicht selten gibt die Spitze des Hügels dann aber den Blick auf eine rasante Abfahrt und die nächste Maximalst-Steigung frei. Vorallem das Vorankommen in Ost-West-Richtung ist dadurch erschwert. Mitten in der Stadt wurde deshalb ein Zickzack-Kurs (Wiggle) über mehrere Blöcke hinweg ausgeschildert, der die zu überwindenden Höhenmeter in beide Richtungen fast auf null reduziert. Und damit man auch des Nachts keinen der mehreren Abzweige verpasst, befinden sich lichtreflektierende Markierungen auf der Straße.

Zuletzt kann man sogar sagen, dass die Stadt auch ein wenig stolz auf ihre Radfahrer ist. Heute haben wir auf der Market Street (eine der Hauptverkehrsadern) bemerkt, dass die hier durchkommenden Fahrradfahrer gezählt und mit einem Dank versehen werden. An dieser Stelle sind dieses Jahr wohl schon gut 350.000 Radler vorbeigekommen. Das sind immerhin über 1.000 pro Tag.

Wunden der Stadtplanung

Mir war das Viertel von Anfang ein Dorn im Auge. Wenn wir ab und zu nach Downtown müssen, dann führt unser Weg durch South of Market (SOMA). Als Fahrradfahrer ist das kein Spaß, denn die Gegend wird durchzogen von drei- bis vierspurigen Einbahnstraßen; Autos fahren dementsprechend schneller und mit dem Fahrrad ist abbiegen im fließenden Verkehr fast unmöglich.

Auch als Fußgänger kann man nicht so viel Schönes entdecken. Die Straßen sind gesäumt von flachen Häusern, die irgendwelchen Lagerzwecken dienen könnten, und Hochhäusern, die eine langweilige Mischung aus Glas und Beton darstellen. Dazwischen ducken sich ein paar Kneipen, die aber nicht wirklich einladend aussehen. Man hat nicht das Gefühl, dass hier jemand lebt. Neben den Leuten, die hier ihren Geschäften nachgehen, kommen wohl die meisten in dieses Viertel, um das San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA), das Yerba Buena Art Center oder das Moscone Kongresszentrum zu besuchen.

Diese recht klägliche Situation lässt sich erklären: In den 70er Jahren fand hier eine Neugestaltung (Redevelopment) statt. Die Stadtplaner sahen es als sinnvoll und lohnend an, die hier lebenden Arbeiter, Händler und sonstigen kleinen Leuten zwischen bescheidenen Hotels und Restaurants in die Randgebiete im Süden zu verpflanzen, um ein modernes, kommerzielles Zentrum zu entwickeln. Mir scheint, die Stadtentwicklung hat aus einem etwas zwielichtigen aber belebten Ort ab den 70ern einen ähnlich zwielichtigen nun aber auch recht toten Ort gemacht.

Solche Art von Redevelopment gab es im Übrigen etwas früher auch schon an anderer Stelle. Im Fillmore-Viertel (rund um die Fillmore Street) siedelten sich um die Jahrhundertwende nach und nach japanische Immigranten an. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurden diese aber als Feinde in Internierungslager gebracht. Mit dem Kriegseintritt der USA erhöhte sich die Nachfrage nach Arbeitskräften drastisch, um in den Werften rund um die Bay Kriegsschiffe und U-Boote zu fertigen. Der Leerstand in Fillmore wurde somit recht schnell durch afro-amerikanische Familien, die aus dem Süden kommend Arbeit in der Rüstungsindustrie fanden, wieder aufgehoben. Fillmore entwickelte sich kulturell. In den vielen Nachtclubs beispielsweise traten in den 50er und 60er sämtliche Jazzgrößen auf.  San Francisco wurde zum Harlem des Westens. Das Redevelopment hat auch hier eher eine steinerne Wüste hinterlassen.

Im SOMA hat sich jedenfalls Widerstand in Form von Bürgerinitiativen gegen die Umsiedlung der Bewohner und die Neugestaltung  gebildet. Ein Ergebnis des Widerstands besteht noch heute. Ein paar verbliebene Bewohner konnten zwischen dem Beton etwas Raum für einen kleinen Garten retten. Es ist nicht übertrieben von einer Oase zu sprechen: Es ist kaum Straßenlärm zu hören. Das Grün der Natur in den Beeten setzt sich gegen die umliegenden Hochbauten ab. Mitten drin befinden sich Sitzgelegenheiten in der Sonne und die Pflanzen werden von älteren Menschen umsorgt. Es scheint, sie sind zufrieden und vergessen die Umgebung, solange sie jeden Tag die Möglichkeit haben, ihren Garten zu sehen.

Alice Street Community Garden, Lapu Lapu Street (between 3rd & 4th Streets and Folsom & Harrison), San Francisco, CA 94103.

Bullitt

Manche Filme muss man wirklich nicht gesehen haben, und manch andere Filme muss man nicht gesehen haben bis auf einen sehenswerten Ausschnitt! „Bullitt“ aus den späten Sechzigern mit dem damals gerade auftstrebenden Steve McQueen in der Hauptrolle ist so ein Exemplar. Der Klappentext versprach mir einen spannenden Thriller, und dass der Film fast ausschließlich an Originalschauplätzen in San Francisco gedreht wurde. Und recht schnell wird auch klar, woher die Spannung kommen soll: Ein Polizist soll einen wichtigen Zeugen in einem in wenigen Tagen beginnenden Gerichtsprozess vor Mafia-Häschern schützen. Und dann geht’s einfach nicht voran. Der Plot kommt irgendwie nicht ins Rollen. Selbst als aufmerksamer Zuschauer dämmert man bald vor sich hin – bis zur grandios gefilmten Verfolgungsjagd durch die Straßen von San Francisco:

http://www.youtube.com/watch?v=-Lbs_nYW3-o

Zuhause

Da wir jetzt schon über einen halben Monat unser neues Zuhause in San Francisco bezogen haben, wird es Zeit ein wenig davon zu berichten. 91 Meter über dem Meer (recht genau 300 feet) liegt unsere Wohnung auf der Spitze des Potrero Hill. Das klingt jetzt eher überschaubar, aber unser Hügel hat es ganz schön in sich. Wann immer wir aus der Stadt von Normalnull zurückkommen, sind wir ganz schön aus der Puste. Die Steigung der Straßen in unserer Nachbarschaft beträgt gut und gerne mal 30 Prozent! Dafür haben wir vor dem Haus einen grandiosen Rundblick über die Gegend: Nach Norden hinunter auf die Wolkenkratzer in Downtown, nach Westen auf die Twin Peaks (ca. 300m hoch) und nach Osten auf die San Francisco Bay bis hinüber nach Oakland.

Geschichten behaupten ja, dass San Francisco wie Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde. Heutzutage listet zumindest Wikipedia 47 Hügel auf dem Stadtgebiet auf. Und diese hügelige Struktur der Stadt hat Folgen für die Siedlungsstruktur und die Behaglichkeit des Wohnsitzes. Die reichen Stadtbewohner bauen ihre Häuser gerne auf die Hügel (bspw. die Eisenbahnbarone auf den Nob Hill), um auf die Arbeiter im Tal (bspw. Mission) herunter zu blicken. Nur haben die reicheren Bewohner teilweise das Wetter nicht bedacht: In San Francisco gibt es unterschiedliche Mikroklimata. Je näher zum Pazifik und vor allem je höher sieht man mitunter vor lauter Nebel keine fünf Meter weit. Unsere Vermieterin hat uns diesbezüglich gleich am Anfang mitgeteilt, dass wir in einer priviligierten Stellung seien. Der pazifische Nebel wandert zwar in unsere Richtung, bleibt aber ungefähr einen Kilometer vor uns an den Twin Peaks hängen, so dass wir bis jetzt praktisch ständig Sonnenschein über den Tag hinweg genießen konnten.

Portrero Hill hat sich als Arbeitersiedlung entwickelt. Nachdem sich Mitte des 19. Jahrhunderts im Dogpatch unten an der Bay mehrere Industrieunternehmen angesiedelt hatten, wanderten die Beschäftigten nach und nach den Hügel hinauf. Heute hat wohl auch schon hier die aus nahezu allen Großstädten bekannte Gentrifizierung eingesetzt. Unser Monatsblatt The Potrero View behauptet sogar, dass Potrero Hill die höchste Konzentration an Risikokapitalinvestment in der Bay Area hat (geschrieben von einem kommenden Berkeley-Absolventen). Deshalb denken die Stadtplaner auch schon über die Entwicklung der Verkehrsanbindung nach, die mit dem Bahnhof am Fuße des Hügels für den Regionalzug ins Silicon Valley eigentlich schon ganz gut ist.

Allzu viele Yuppies und Neureiche, die in hipp-postmoderner Architekur leben, haben wir noch nicht gesehen, weshalb sich die Stadtsoziologen wohl noch keine großen Sorgen machen müssen (Wohnen ist ja eh im ganzen Stadtgebiet enorm teuer). Unsere direkte Nachbarschaft arbeitet zum großen Teil in durchaus interesseranten Berufen: Mit Fotografen, bildenden Künstlern und Yoga-Lehrerinnen teilen wir uns die Waschmaschine und den Garten. Und Besuch bekommen wir dann und wann auch von Olivia – einer sehr selbstbewusst-eigenwilligen, neugierigen, zwischen scheu und schreckhaft schwankenden und konstant haarenden Person – ich spreche natürlich von einer Katze. Es hat uns einige Tage gekostet, sie digital abzulichten. Herausgekommen ist ein kleines „Bewegungsprofil“ (siehe Bilder). Man kann, um sie zu locken, miauen. Aber eine Sekunde später ist sie schon wieder abgehauen. Unsere Beziehung entwickelt sich wohl noch….

Jedenfalls stolziert Olivia mit großer Nonchalance durch unsere Wohnung: Unser Schlafzimmer geht zur Straße raus und hat die für die Häuser in San Francisco typischen Erkeransätze mit Fenstern. In der Küche ist Olivia nur selten. Dort steht ein für amerikanische Verhältnisse recht kleiner Kühlschrank, der unsere Gemüsevorräte und anderes aber locker aufnimmt. Herd und Ofen werden beide mit Gas betrieben; die offene Flamme beim Kochen vermittelt ein wenig das Gefühl, an einer vormodernen Feuerstelle zu stehen. Viel lieber ist Olivia im geräumigen Wohnzimmer, das über einen kleinen Tresen räumlich mit der Küche verbunden ist. Dort rekelt sie sich auf dem Teppich, während ich mich auf der Couch in die Geheimnisse um die Fernseh-Übertragung von Baseballspielen eindenke.

Drehort San Francisco – Heimat

In San Francisco wird ja so einiges gedreht. Ecke Powell & Market St. ist zum Beispiel der Ort, an dem die cable car einen ihrer Endpunkte hat und um 180 Grad gedreht wird – um ihren Dienst in entgegengesetzter Richtung wieder anzutreten. Aber – kleiner Scherz am Rande – um solch einen „Drehort“  gehts im Folgenden nicht ;-).

Denn wir haben uns in der letzten Woche (ich zum ersten Mal auf Englisch) den Film Dirty Harry aus dem Jahre 1971 mit Clint Eastwood in der Hauptrolle angeschaut, der in San Francisco spielt. Das lustige daran war, das uns viele der Drehorte bekannt waren und wir einige Wiedererkennungsmomente aus unserer direkten Nachbarschaft hatten. Der Plot ist recht einfach erzählt: Es geht um den etwas unkonventionellen, mürrisch-wortkargen Inspektor Harry Callahan (Clint Eastwood) des SFPD, der einen Serienmörder jagt. Dieser erpresst die Stadt, indem er wahllos von Dächern auf Passanten schießt. In einer sehenswerten Einstellung zu Beginn, befindet sich Callahan am ersten Tatort auf dem Dach eines Hochhauses und die Kamera folgt ihm, während sein Blick rundherum über die Stadt schweift. Und auch in der weiteren Verfolgung des Täters jagt Callahan durch die Straßen von San Francisco, was den Film für uns sehr lebendig machte, da wir teilweise kurz zuvor an den verschiedenen Punkten in der Stadt gestanden waren (North Beach, Washington Square, Kezar Stadium, Sts. Peter and Paul Church, Dolores Park, …).

Ansonsten gab’s noch mehr Lokalkolorit für uns: Der Figur des Harry Callahans, die immer am Rande der Legalität agiert, Ermittlungen mit äußerster Brutalität durchführt und auch vor Folterung des Täters nicht zurückschreckt, sind wir trotz allem etwas verbunden. Wir erfahren, dass er wie wir auch in Portrero Hill wohnt. Und in einer Szene mit seinem Lieblings-Barmann spricht dieser von Callahan als seinem „Potrero brother“. Weiterhin wird Callahan zu einem Einsatz zu Ecke Texas und Sierra Street gerufen. Das ist just eine der Straßenkreuzungen, die ich morgens mit dem Fahrrad passiere, um zum Bahnhof zu kommen.

Na ja, irgendwie schön in einem US-Blockbuster – wenn auch etwas älteren Datums – so im Detail die Drehorte wiederzuerkennen. Das gibt einem eine gewisse Art von Heimat-Gefühl. Im deutschen Fernsehen haben wir das wohl auch etwas, wenn wir den Tatort sehen (eine der schönsten, die ich gesehen habe, war „Das Glockenbachgeheimnis“ des BR und „Bienzle und die schöne Lau“ des SDR). Durch sein regionales Konzept erkennen – jeden Sonntag wechselnd – die Zuschauer ihre Heimat als Filmrealität wieder und können ein positives Gefühl damit verbinden, dass ihr Zuhause – im Zuge der Verbreitung an ein Millionenfernsehpublikum – einer gewissen Aufmerksamkeit wert scheint.

Verzeichnis der im Text verwendeten Fremdwörter:

cable car – ist eigentlich eine Straßenbahn, die den Berg hochfährt, gezogen von einem unterirdisch laufenden Drahtseil. In Wahrheit ist sie vor allem der Anlass für jede Menge Fotos und Anreiz für eine Runde S-Bahn-Surfen der Touristen.

Dirty Harry –  Alter-Ego von Clint Eastwood und Titel des gleichnamigen Films. Fun Fact: Clint Eastwood war von 1986 bis 1988 Bürgermeister in Carmel-by-the-Sea.

SFPD – San Francisco Police Department, also der Name der örtlichen Polizei. Sieht man immer mal wieder hier rumfahren.

Blockbuster – Kassenschlager, meist völlig überbewerteter Film, der häufig nicht nur viel gekostet hat, sondern auch viel Geld einspielt. Wörtlich übersetzt ein Straßenfeger.

Wochenrückblick (#5)

|Gesehen| Dirty Harry von Don Siegel mit Clint Eastwood
|Gelesen| Bon Appétit (Essens-Zeitschrift), Grün ist die Hoffnung von T.C. Boyle
|Getan| die Nachbarschaft erkundet, mit dem Fahrrad im Zug zur Uni gependelt, Berge hochgestrampelt und runtergesaust
|Gegessen| Frittata, selbstgemachtes Brot, Spaghetti mit Kürbis, Brioche, Focaccia und jede Menge Chard (das sind verschiedene Sorten Kohl am Stängel bzw. auch Mangoldarten)
|Gedacht| dass unsere Beinmuskulatur auf Dauer diese Anstiege nicht aushält oder wir irgendwann stahlharte Wadeln haben
|Gefreut| über die ersten Meter mit dem Fahrrad
|Gelacht| über Olivia, die Vermieterkatze, die immer reinkommt und durch die Wohnung stolziert, als sei es ihre eigene
|Geärgert| über die drei Tage und mehrere Telefonate erfordernde Online-Banking-Registrierung
|Gekauft| Fahrräder, einen DVD-Player, einen Zauberstab mit so vielen Zauberzusatzfunktionen (Sahne schlagen, Pesto machen, Wäsche falten ;-)), und ganz wichtig: Karte von Fahrradwegen in SF mit Angabe der Steilheit der Straßen!!
|Geklickt| auf der Seite der San Francisco Public Library und jede Menge Bücher bestellt

Transport

Inzwischen ist man mehr oder weniger hier angekommen und kann nun mal etwas über solch abstrakte Themen wie den Transport erzählen. Nachdem in unseren gemeinsamen ersten Tagen unsere Wohnsituation noch etwas unstet war und das neue Semester in Stanford noch bevor stand, haben wir uns kurzerhand ein Auto geliehen. Heraus kam ein schmuck-sportives Vehikel namens Chevrolet Cruze (sic!). Mit der ersten Fahrt von der Verleihstation zurück zu unserer Bleibe, fühlte man sich ein wenig zum zweiten Mal angekommen – dieses Mal in der automotiven amerikanischen Gesellschaft.

Das sonor-satte Brummen des Motors beim Gas geben, das sich beim automatischen Schaltvorgang um eine geschätzte Terz in der Tonhöhe verringert, bereitet ein wohliges Gefühl der Freiheit, des Selbstbewusstseins – und der Bestätigung meiner Vorurteile über die car nation. Derweil ließen mich Eindrücke schon vorher im Wohnviertel rund um die Universität Berkeley von meiner vorgefertigten Meinung des obsessiv-umweltverschmutzenden Autogebrauchs der Amerikaner ein wenig abrücken: Der Anteil an Toyota Prius (Fahrzeug mit Hybridantrieb) macht ungefähr ein Viertel aus; und ein weiteres Viertel nehmen Volvos ein (und das bei einer gefühlten Autodichte von mindestens einem Fahrzeug pro Haushalt!). Dieser Eindrück hat sich im übrigen bei der Fahrt entlang der Küste nach Norden bestätigt. Weiterhin finden sich in Berkeley sogar Straßen, wo sich explizit ausgewiesen auch Fahrräder am Straßenverkehr beteiligen dürfen. Und die Busse führen gleich dem Bisonfänger einer Wildwest-Lok vorne eine Vorrichtung zum Fahrradtransport mit sich. Apropos Zug: Mit Schrecken habe ich bei einer Recherche feststellen müssen, dass es keine Zugverbindung zwischen San Francisco und Los Angeles gibt: Möglich wäre eine 1-stündige Fahrt mit dem Bus, danach ein Umstieg in eine 6-stündige Zugfahrt, um dann noch mal 2 Stunden mit dem Bus zu fahren. (Und ich dachte, die Siedler hätten den Westen unter anderem auch mit der Eisenbahn erschlossen; na ja, das war dann wohl eher von Ost nach West als von Nord nach Süd.)

Jedenfalls klappt der Transport mit dem Auto wunderbar. Mittlerweile bin ich nun ein paar Mal von Berkeley nach Stanford gependelt (in der Theorie eine dreiviertel Stunde). Man begibt sich lässig noch in der Innenstadt auf eine Fahrtrasse, die den Verkehr mindestens auf drei, meist aber vier Spuren führt, in einem Tempo, das einen an zähfliessenden Teig denken lässt. Trotzdem wird es auf dem meilenweiten Geradeaus nie langweilig: Aus über hundert Radiosendern kann ich von Glen-Miller-Musik der 40er über Jazz, Klassik, Pop-Klassikern zu Heavy Metal und Bluegrass alles haben – sogar die neuesten MLB– und NFL-Berichte. Klänge dringen ab und zu auch von außen an mein Ohr: Beispielsweise wenn einer der Trucks (kein LKW, wir würden Pick-ups sagen) mit seichtem Dröhnen an einem vorbeizieht – wahlweise auf der linken oder auch rechten Spur – und sich für diesen Moment aufgrund deren Höhe ein ausgewachsener Schatten über einen legt (ähnlich den Häuserschluchten von New York?).

Zu sehen gibt es nicht viel. Allerdings kann man sich desweiteren die Zeit mit allerlei lustigen soziologischen Feldversuchen vertreiben: Zum Beispiel die Frage, ob sich die Menschen, die ihre Autos auf der rechten Spur bewegen, von denen unterscheiden, die fünf Spuren weiter links fahren (bin da noch zu keinem endgültigen Resultat gekommen). Oder etwa ökonomische Überlegungen: Wieviel Geld wäre ich bereit einem potentiellen Beifahrer zu zahlen, um dies dann zusammen mit ihm über die Zeitersparnis auf der carpool lane wieder reinzuholen.

Recht spaßig also der Transport in Kalifornien. Da sieht man auch mal schnell über den häufig auftretenden, zähfließenden Verkehr oder sogar Stau hinweg. Und mal ehrlich: Die fünfzig Kurven gepaart mit einer überwundenen Höhendifferenz von mehreren hundert Metern, die man auf jeder Meile der pittoresken Küstenstraße nach Norden überwinden muss, jede Sekunde befürchtend einen der unerschrockenen Fahrradwanderer, die sich die Straße mit einem „teilen“, abzuschießen, sind auch nicht nur positiv für Gemüt und Magen. Jedenfalls wird nun bald mit dem Zug gependelt und auf dem Campus das Fahrrad benutzt.

Verzeichnis der im Text verwendeten Fremdwörter:

  • car nation – wir sind im „Land der Autofahrer“, wirklich wenige Menschen gehen zu Fuß und wir haben bisher immer einen Parkplatz gefunden
  • MLB – heißt Major League Baseball und ist neben
  • NFL– der National Football League zwei der Nationalsportarten in den USA
  • Truck – Auto mit kleinem Fahrerhaus und großer Ladefläche, gerne auch mit übergroßen Rädern unten dran, in Deutschland eher Pick-up genannt
  • carpool lane – reservierte Spur für Fahrzeuge, die mindestens zwei Personen befördern