{"id":731,"date":"2013-11-11T19:30:45","date_gmt":"2013-11-12T02:30:45","guid":{"rendered":"http:\/\/kalifornienmituns.wordpress.com\/?p=731"},"modified":"2014-12-04T12:54:00","modified_gmt":"2014-12-04T11:54:00","slug":"kafka-on-the-shore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weitermituns.de\/?p=731","title":{"rendered":"Haruki Murakami: Kafka on the Shore"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe Ewigkeiten schon kein H\u00f6rbuch mehr geh\u00f6rt. Dabei gab es immer Menschen, die H\u00f6rb\u00fccher konsumiert haben. Omas, die nicht mehr gut sehen und lesen konnten, M\u00fctter, die Spa\u00df daran fanden, und sogar Bekannte, die beruflich was mit H\u00f6rb\u00fcchern machen und regelm\u00e4\u00dfig\u00a0 dar\u00fcber twittern. Irgendwie ging es an mir vorbei.<\/p>\n<p>Seit zwei Wochen bin ich jedoch im H\u00f6rbuch-Sog. Angefixt hatte mich die Mitbewohnerin, die zu jeder Gelegenheit, zu der sie nicht denken oder schreiben oder reden muss, ihr Tablet anwirft und sich von ihm was erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Meist sind es Fantasy-Geschichten, die ihr beim M\u00f6hrenschnippeln, W\u00e4schelegen oder Bodenwischen die Zeit angenehmer machen. Ich verlie\u00df fluchtartig den Raum, sobald ich die bed\u00e4chtige Erz\u00e4hlstimme h\u00f6rte. Ich konnte nichts daran finden. Es ging an mir vorbei.<\/p>\n<p>Zuletzt verfingen sich jedoch zwei ihrer S\u00e4tze in meinem Gehirn: \u201eWenn ich mal nachts ins Gr\u00fcbeln gerate, aber lieber schlafen will, mache ich mir das H\u00f6rbuch an und bin sofort wieder eingeschlafen.\u201c Und: \u201eSeit ich B\u00fccher h\u00f6re, konsumiere ich wieder viel mehr B\u00fccher.\u201c Seit der Zeit vor unserer Abreise und auch in der ersten Zeit hier schlief ich nachts manchmal schlecht. Einfach weil ich mir, unn\u00f6tigerweise, Gedanken um alles M\u00f6gliche machte. Auch hatte ich mir f\u00fcr meine Auszeit hier vorgenommen, mehr zu lesen. W\u00e4hrend der Diss und auch in der Zeit danach, habe ich mir daf\u00fcr schlicht zu wenig Zeit genommen. Zudem entdeckte ich, dass die Bib hier \u00fcber eine elektronische Bibliothek verf\u00fcgt, und neben Ebooks auch Audiobooks verleiht. Eine gute M\u00f6glichkeit also, es einmal mit H\u00f6rb\u00fcchern zu probieren, ohne gleich einen Stapel CDs zu kaufen oder ein H\u00f6rbuch-Abo abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Als erstes suchte ich mir \u201eKafka on the Shore\u201c von Haruki Murakami aus. Eine bessere Wahl h\u00e4tte ich nicht treffen k\u00f6nnen. Es ist eine ungek\u00fcrzte Fassung, \u00fcber 19 Stunden lang. Anfangs dachte ich noch, dass schaffe ich nie in den 21 Tagen Leihzeit. Ich griff mir innerlich an den Kopf, nach der 1000seitigen Anna schon wieder so einen W\u00e4lzer ausgesucht zu haben. Aber Murakami ist nicht Tolstoi. Und der Sog setzte ein.<\/p>\n<p>Das Buch an sich ist schon wahnsinnig toll, komplex ohne anstrengend zu sein und spannend bis zum Schluss. Aber ich finde, die Audio-Version macht die Geschichte nochmal um 100% besser. Ich konnte es tags\u00fcber manchmal nicht erwarten, dass ich im Bett noch schnell ein Kapitel h\u00f6ren konnte vor dem Einschlafen. Der Plot ist gar nicht so einfach zu erkl\u00e4ren. Es geht um einen 15-j\u00e4hrigen Jungen, Kafka Tamura, der von zu Hause wegl\u00e4uft. Und im zweiten Handlungsstrang um den \u00e4lteren Mr. Nakata, der vielleicht nicht der Schlauste ist, jedoch mit Katzen sprechen kann und den irgendetwas mit dem jungen Ausrei\u00dfer verbindet.<\/p>\n<p>Kafkas Geschichte wird in den ungeraden Kapiteln erz\u00e4hlt, Nakatas Geschichte in den Geraden. Die Wechsel zwischen beiden Handlungsstr\u00e4ngen machen es schon anspruchsvoll. Hinzu kommen Zeitspr\u00fcnge und R\u00fcckblenden, so dass ich sehr aufpassen musste, um alles halbwegs zusammen zu bekommen. Aber auch hier hilft es, die verschiedenen Personen sprechen zu h\u00f6ren. Ihre japanischen Namen h\u00e4tte ich als Leserin wahrscheinlich sehr schnell durcheinander gebracht. Gef\u00fchlt dachte ich, jeder Charakter w\u00fcrde von jemand anderem gelesen. Hinterher fand ich heraus, es sind nur zwei Sprecher. Unglaublich, was Stimmlage und Modulation ausmachen.<\/p>\n<p>Mr. Nakata ist mir w\u00e4hrend der Zeit richtig ans Herz gewachsen. Die Figur wird mit einer eigenen Stimme viel plastischer. Ich konnte ihn bildlich vor mir sehen. Und die von Murakami eingebauten Eigenheiten kommen durch sein Sprechen erst richtig zum Tragen. Zum Beispiel behauptet Nakata bei fast jedem Essen, das ihm angeboten wird, dass eben dieses oder jenes eines seiner Leibgerichte sei: \u201eEel is one of Nakata&#8217;s favorites\u201c, \u201eSardines are one of Nakata\u2019s favorites.\u201c Ich kann mich nicht erinnern, dass er das einmal nicht sagt. Und musste jedes Mal schmunzeln, wenn der Satz mit der gleichen Betonung in jeder geschilderten Essenssituation wieder kam.<\/p>\n<p>Wegen der ganzen Komplexit\u00e4t hatte ich gehofft, dass am Ende nochmal ein erz\u00e4hlender Teil folgt und Murakami mir alles erkl\u00e4rt, was ich bis dahin nur halb verstanden hatte. Den gibt es aber nicht. Ich werde das Buch also irgendwann nochmal lesen oder h\u00f6ren. Und dabei sicher noch mehr von dem entdecken, was er darin versteckt hat. Das ist aus meiner Sicht das sicherste Zeichen daf\u00fcr, dass es ein gutes Buch war.<\/p>\n<p>Die Version, die ich geh\u00f6rt habe, ist von <a href=\"http:\/\/www.naxosaudiobooks.com\/40512.htm\">Naxos Audiobooks<\/a>. Auf der verlinkten Homepage gibt es eine H\u00f6rprobe. Und auch bei Audible gibt es den <a href=\"http:\/\/www.audible.com\/pd\/Fiction\/Kafka-on-the-Shore-Audiobook\/B002V0K3X6\">Titel<\/a>.<\/p>\n<p><em>Haruki Murakami: Kafka on the Shore (unabridged), read by Sean Barrett, and Oliver Le Sueur, Naxos Audiobooks, 2006.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe Ewigkeiten schon kein H\u00f6rbuch mehr geh\u00f6rt. Dabei gab es immer Menschen, die H\u00f6rb\u00fccher konsumiert haben. 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